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Plädoyer für einen intersektionalen feministischen Blick – Kritik zu AGAINST WHITE FEMINISM

Wie kann sich ein Feminismus für die Geschlechtergerechtigkeit aller weiblich gelesenen Personen einsetzen? Welche internalisierten Rassismen und blinde Intersektionalitätsignoranz schränken diese Gleichberechtigung ein? – Das versucht Autorin und Aktivistin Rafia Zakaria in ihrem Werk AGAINST WHITE FEMINISM. WIE WEISSER FEMINISMUS GLEICHBERECHTIGUNG VERHINDERT aufzudecken.

Intensives Sachbuch regt zur Reflexion eigener Privilegien an

Das Sachbuch ist nur knapp 250 Seiten lang und liegt leicht in der Hand: Die vielen zwischen Buchdeckel und -rücken verborgenen Informationen sind hingegen derart intensiv, dass sie meine Perspektive auf feministische Strukturen grundlegend veränderten. Dieses Buch regt ab der ersten Seite zur Reflexion eigener Privilegien und Wahrnehmungen an.

Der Wandel, den wir brauchen, den der Feminismus braucht, ist ein Wandel im Wandel. Die Analyse, wo und wie dieser Wandel zu vollziehen ist, muss intersektional sein, sie muss race, Klasse und Gender berücksichtigen, und das Resultat muss sowohl umverteilend als auch anerkennend sein.

Zakaria, Rafia: Against White Feminism. Wie weißer Feminismus Gleichberechtigung verhindert.
München: hanserblau Verlag 2022, S. 222.

Intersektionaler Blick ist für den Feminismus essenziell

Zakaria bietet durch die Einordnung des Feminismus in seinen historischen Kontext einen tiefen Einblick in die Entstehung weißer Vorherrschaft in revolutionären Bewegungen – Bewegungen, die ihre intersektionale Perspektive verlieren, indem sie „bloß“ einzelne Marginalisierungen unterdrücken wollen.

Sämtliche Ismen und internalisierte strukturelle Probleme sind miteinander verbunden. Dabei sei es – trotz der verlockenden Überwältigung durch Zusammenhalt – wichtig, Feminismus nicht als gemeinschaftliche Masse zu betrachten, die in ihren Erfahrungswerten übereinstimmt. Der Fokus sei in der Bewusstmachung von Unterschieden und Spaltungen zu suchen.

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Ist ein gemeinsamer Kampf gegen das Patriarchat möglich?

Ist daher weibliche Solidarität – und somit ein gebündelter Kampf gegen das Patriarchat – möglich? Dieser berechtigten Frage widmet sich die Autorin in einer aufwühlenden und zugleich beruhigenden Intensität: Es gehe nicht darum, (weiße) Frauen aus der Bewegung herauszudrängen, sondern alle an den Tisch (zurück) zu holen. Und all diejenigen Strukturen zu zerschlagen, die das in den letzten Jahrhunderten verhindert haben.

Es geht nicht darum, weiße Frauen aus dem Feminismus zu verdrängen; es geht darum, das «Weißsein» aus dem Feminismus zu verdrängen, in dem Sinne, dass Weißsein gleichbedeutend mit Herrschaft und Ausbeutung ist. Und dieses Ziel kann niemals ohne die Unterstützung weißer Frauen erreicht werden.

Zakaria, Rafia: Against White Feminism. Wie weißer Feminismus Gleichberechtigung verhindert.
München: hanserblau Verlag 2022, S. 209.

Wütender Schreibstil, jedoch Eröffnung des Dialogs

Sie echauffiert sich überzeugend über die Aufdringlichkeit, mit der westliche Feministinnen dem Globalen Süden ihre (angeblich überlegenden) Werte überstülpten – und sie damit ihrer Entscheidungsfreiheit zu berauben, diese abzulehnen. Sie nimmt die Hypersexualisierung und Kapitalisierung des weiblichen Körpers auseinander. Sie erzürnt sich über fehlendes Problembewusstsein und fordert von ihren Leser*innen die Reflexion der eigenen Privilegien.

Ja, Rafia Zakaria ist deutlich frustriert – und dennoch schafft sie es jederzeit, den Dialog zu eröffnen und polarisierte Parteien zusammenzuführen. Ihr Schreibstil ist bissig, trifft punktgenau. Strukturelle (und somit oft schwammig formulierte) Probleme verdeutlicht sie anhand überzeugender und gut recherchierter Beispiele. Ein Buch, das mir so schnell nicht aus dem Gedächtnis verschwindet.

Fazit

AGAINST WHITE FEMINISM. WIE WEISSER FEMINISMUS GLEICHBERECHTIGUNG VERHINDERT ist ein überzeugendes Plädoyer für einen antirassistischen und intersektionalen Blick innerhalb des Feminismus.

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.

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