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Am Ende bin ich

Seine Liebe zu Aurora und der Kummer, der damit seinen Anfang nimmt, ist für Luca unerträglich. Er tröstet sich mit unzähligen neuen Bekanntschaften und lernt dabei Frauen und Männer kennen, die allerdings die Sehnsucht nach Aurora eher noch verstärken. Er genießt die Aufmerksamkeit und Zuneigung all dieser Menschen, denen er begegnet und verletzt sie mit seiner Zurückweisung. Im Laufe dieser Erfahrungen kommt er sich jedoch selbst immer näher. Schließlich weiß er, was Glück für ihn bedeutet.

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Die Suche nach Selbsterfüllung und der wahren Liebe ist häufig ein zentrales Thema der Gegenwartsliteratur. Charaktere schwimmen im großen Ozean des Lebens, und finden nirgends einen Anker, der sie festhält; fühlen sich in einer sonst so vertrauten Umgebung plötzlich fremd; erkennen sich selbst nicht mehr wieder. Wer ist ‚ich‘? Wer bin ich? Nachwuchsautor Alexander Wachter wagt in seinem Debütroman „Am Ende bin ich“ die berührende Erkundung des Protagonisten Luca.

Dieser ist bereits ab Seite eins ein nahbarer und empathischer Protagonist, dessen zurückhaltende Bescheidenheit sofort eine liebenswerte Eigenschaft an ihm ist. Seine Hoffnung auf eine glückliche Beziehung und einen festen Platz im Leben sind durchaus verständliche Motive, die durch eine schön ausgeführte Innensicht nachempfunden werden können. Sein spontaner, selbstbewusster Umgang mit seinen Mitmenschen machen ihn zu einer total sympathischen Figur, die man gerne auf ihrer emotionalen Reise begleitet.

Ich war eine Sonnenblume kurz vorm Verwelken: Mit jeder seiner Berührungen lösten sich mehr und mehr meiner Blätter – bis nichts mehr von mir übrig war.

Aber auch das Ensemble an Nebenfiguren ist wirklich überdurchschnittlich gut ausgearbeitet. Die Zuneigung zwischen den Freunden und der Familie scheint an einigen Stellen besonders deutlich greifbar; die von diesen Personen ausgehende Liebe sorgt für ein wohliges Wärmegefühl während dem Lesen. Einige Menschen treten jeweils nur in einzelnen Szenen Cameo-artig auf und werden bewusst charakteristisch nur angerissen, um das Gefühlschaos und der daraus resultierenden Flucht aus festen Bindungen darzustellen. Diese Orientierungslosigkeit und das damit einhergehende Treibenlassen als Motivik gefielen mir gut und regten mich definitiv zum Nachdenken an. Ich selbst stehe gerade auch vor einem Lebensabschnitt, der von großen Entscheidungen und Veränderungen geprägt ist. Daher ist mir das Gefühl, nicht zu wissen, wer man selbst ist, nur allzu vertraut.

Die zunehmende innere Zerrissenheit von Luca entsteht durch den Verlust von Aurora, und in die Beziehung zu ihr hat er all seine Behutsamkeit und Zärtlichkeit investiert. Der Funke zwischen den beiden Schlüsselfiguren mag für den Leser aber nicht so ganz überspringen, denn: Es wird überwiegend in Retrospektive, im Allgemeinen über ihre Romanze gesprochen. Mir fehlt die szenische Darstellung, die in konkreten Momenten zeigt, worüber sie lachen, weinen und denken, wenn sie zusammen sind. So ist das gebrochene Herz von Luca zwar absolut verständlich; der Zauber, dem er erlegen ist, eher weniger. Hier hätte ich mir mehr Tiefgang und Geduld für das Ausarbeiten dieses handlungstechnischen Kernelements gewünscht.

Zudem, und das geht mit dem vorangestellten Inhaltsverzeichnis einher, birgt der Roman auf seinem Weg nur wenige Überraschungen. Sein endgültiger Verlauf wird bereits durch die Nennung der Namen des jeweiligen Sex- beziehungsweise Liebespartners vorweg gegriffen. Das schmälert aber nicht die Qualität des vorliegenden Werks.

In den Momenten, in denen ich die Welt ausschließen wollte, zwang ich mich zu leben.

Sprachlich finde ich „Am Ende bin ich“ außerordentlich gelungen. Der Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen und ermöglicht dem*der Leser*in einen schnellen Einstieg in die Geschichte. Der Autor legt ein hohes Tempo an den Tag, das keinen Raum für erzähltechnische Längen lässt. Außerdem ist die tolerante und weltoffene Argumentationsweise des Buchs sehr löblich – und im Jahr 2020 leider noch immer nicht selbstverständlich (weswegen ich diesen Punkt an dieser Stelle für erwähnenswert halte).

Letztendlich stelle ich mir wieder die Frage, wem ich diesen Roman weiterempfehlen kann, und die Antwort lautet kurz angebunden: jedem. Tut euch selbst etwas Gutes, lasst eure Seele baumeln und die emotionale Wucht dieses Romans auf euch wirken.

"Am Ende bin ich"  
ist ein tiefgründiges, bewegendes Debüt, das mitten ins Herz trifft. 

Ich schwanke bei der Bewertung stark zwischen vier und fünf Sternen (und ärgere mich darüber, dass ich die Wertung von viereinhalb Sternen noch nicht eingeführt habe), entscheide mich aber doch dazu, fünf von fünf möglichen Sternen zu vergeben.

Zur Bewertung wurde mir durch den Autor Alexander Wachter ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!

Wertung: 9 von 10 Punkten

★★★★★

Daten zum Buch:

Autor*in: Alexander Wachter

Titel: Am Ende bin ich

Seiten: 224

Erscheinungsjahr: 2020

Verlag: Diederichs (Verlagsgruppe Random House)

ISBN: 978-3-424-35107-1

Einzelband

Hardcover mit Schutzumschlag

Buch 34/65 (2020)

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.

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