4 Sterne Bücher

Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen

Ben ist seit Ewigkeiten Hannas bester Freund. Er ist anders. Wild, tollkühn, ein Graffiti-Künstler, ein Geschichtenerzähler. Und keiner versteht Hanna so wie er. Nach dem Abi packen die beiden Bens klappriges Auto voll und fahren zum Meer. An einen verwunschenen Strand, um den sich eine düstere Legende rankt. Sie erzählen sich Geschichten. Bauen Lagerfeuer. Kommen einander dort nahe wie nie zuvor. Und Hanna hofft, endlich hinter das Geheimnis zu kommen, das Ben oft so unberechenbar und verzweifelt werden lässt. Doch dann passiert etwas Schreckliches …

Das Meer. Salz liegt in der Luft. Wellen rollen heran, als wollten sie das unterseeische Leben durch ihre Masse erquicken. Die Sonne versinkt am Horizont und es wirkt beinahe so, als wäre das Meer ein gefräßiges, hungriges Monster und es würde seinen Schlund aufreißen und die Sonne wie eine monströse Orange verschlingen. Der Sand peitscht durch den stetigen, aufbrausenden Wind an deine Haut. Es ist alles in Bewegung – und doch gleichzeitig alles so ruhig. „Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen.“ Hierbei handelt es sich nicht um einen neunmalklugen Tipp deiner Großmutter, die dir mit erhobenem Zeigefinger predigt; das alte, runzlige Gesicht aufgebracht und du stellst dir als kleines Kind, welches du noch bist, vor, jede dieser unzähligen Falten würden eine Geschichte aus ihrem schon so langen Leben erzählen. Nein, hierbei handelt es sich um den Titel des Erstlingswerkes der Autorin Ulla Scheler, welches ich im Folgenden rezensieren möchte.

Ich als seriöser Buchkritiker, der ich sein möchte, – aber alleine bei diesem Anfang sollte ich mich wohl besser nicht selbst belügen – lege Wert auf Interesse weckende Beginne. Deshalb werdet ihr mir diesen übertrieben langen Absatz, den ihr oben genießen durftet, hoffentlich nicht übelnehmen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich zum Zeitpunkt der Verfassung vorliegender Rezension an der dänischen Ostseeküste befand, denke ich, dass dies kein zu großes Problem darstellt. Wohl war ich hier in einer Workaholic-Phase; zweifellos eine Zeit, in der ich überproduktiv bin, eine Zeit, in der ich viel lesen kann. Aber ich sollte dringend lernen, auf den Punkt zu kommen, wie mir meine Deutschlehrer ständig erbittert unter die Nase reiben. Denn mein Privatleben interessiert ja wohl niemanden hier.

Neuer Versuch. Mir ist gerade der Gedanke gekommen, dass hellomybook ja auch eine Art Blog ist. Und ein Blog ist ja wohl der perfekte Platz dafür, seine eigenen Gedanken aufzuzeichnen, immer mit der Frage im Hinterkopf, ob sich diesen Ort der schriftlichen Auseinandersetzung mit der Leere in seinem Kopf jemand antun möchte. Wer es bis hierher geschafft hat – herzlichen Glückwunsch. Ich glaube, ich sollte öfter meine Rezensionen, in denen es eigentlich um Bücher gehen sollte, Bücher, die der Aufmerksamkeit, die sie hier normalerweise bekommen, wert sind, mit dieser gedanklichen Leere füllen und sehen, ob sich irgendeine verlorene Menschenseele diesen erbärmlichen Text durchlesen wird.

Stille.

Nur Meeresrauschen dringt an unsere empfindlichen Ohren.

„Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen“ fesselte mich ab der ersten Seite durch seinen flüssigen, angenehm ruhigen Schreibstil. Die Protagonistin unterstrich diesen Eindruck durch ihre sympathische, in sich gekehrte und nicht aufdringliche Art. Zu Beginn fiel mir die fast schon bedrückende, energielose Atmosphäre auf, die sehr gut mit dem Überbegriff „Zeit nach dem Abitur“ übereinstimmt. Das andere Glied des Protagonisten-Teams, Ben, ist ein sehr interessanter Charakter, mit dem man selbst gerne reisen, Abenteuer erleben oder befreundet sein würde.

Die Reise, welche die beiden Figuren unternehmen, wirkt, trotz der Einzigartigkeit der beiden, substanzlos, da dem Leser der Zusammenhang fehlt und insgesamt, zumindest im ersten Teil, nur wenig Inhalt erzählt wird. Zudem bekräftigte sich die Tatsache, dass die Freundschaft zwischen Ben und Hanna fast ausschließlich negativ geladen ist, da es zu vielen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Protagonisten gekommen ist. Einige dieser Streitereien gingen dem Leser ziemlich auf die Nerven. Und mit der Anrede „der Leser“ meine ich zwar zweifelsohne mich als subjektiver Rezensent, soll hier aber eine objektive Meinung abgeben – und ich meine, ich spreche für die gesamte Leserschaft, in dem ich sagen kann, dass die Menge der Auseinandersetzungen zu viel des Guten war.

Zudem wirkte das Verhältnis zwischen Streit und darauffolgender Flucht zu Liebe und Zärtlichkeiten nicht ausgeglichen. Die Gefühlsduselei, wie ich sie hier einmal nennen möchte, ergreift den Leser nicht wirklich, sondern wirkt durch das ewige Hin und Her sehr aufgesetzt. Dagegen aufwerten können zahlreiche metaphorisch angehauchte Sätze und elegante Formulierungen. Der Cliffhanger am Ende des ersten Teiles ist sehr gelungen und macht Lust auf die Fortsetzung. Diese wird auch geboten, nur ist das Tempo nach „dem Ereignis“, wie ich es hier bezeichne, um unwissende Leser in keiner Weise zu spoilern, nicht stimmig, sondern wirkt aus dem sonstigen Korsett gerissen. Das Ende hingegen besticht durch seine Spontanität und ist mehr als passend. Die Beweggründe, die hinter „dem Ereignis“ stecken, werden doch etwas unklar dargestellt. Trotz der Tatsache, dass der Klappentext und meiner darauffolgenden Interpretation nicht ganz das hält, was er verspricht, fiebert man mit den Figuren mit und sie wachsen einem im Laufe des Buches sehr ans Herz.

Nach dieser etwas längeren Rezension – aber an diese Form der Bewertung könnte ich mich tatsächlich gewöhnen – stelle ich fest, dass „Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen“ ein atmosphärisch sehr dichtes Debütwerk der jungen Autorin Ulla Scheler ist, in dem sie überzeugend ihr Schreibtalent unter Beweis stellt. Einige kleinere Schwächen führen hier unvermeidlich zu Punktabzug, rütteln jedoch nichts an der Tatsache, dass ich dieses Buch ruhigen Gewissens jedem empfehlen kann, der sich auf ein ruhiges und doch aufweckendes Werk freut – denn genau das ist es, was man hierbei bekommt.

Genrewertung: 8/10 Punkte

Gesamtwertung: 7,5/10 Punkte

4 Sterne

Das entspricht sehr guten vier von fünf möglichen Sternen für ‚Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen‘.

‚Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen‘

Liebesroman, Drama, Coming-Of-Age, Jugendbuch

von Ulla Scheler

368 Seiten

14,99€

Broschierte Ausgabe

HEYNE Verlag

Erscheinungsdatum: 8. August 2016

ISBN: 978-3453270435

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