4 Sterne Bücher 🌈

Find Me

Begeben wir uns auf die Reise in das Italien der 1980er-Jahre. Frisches Obst, kühles Meerwasser, selbstgepresster Aprikosensaft, warme Eier zum Frühstück, idyllische Plätze in der Natur, Worte auf Pergament, Noten auf Linien, Kunst im Kopf und im Herzen, Liebe in der Brust, Sommer im Nacken. Der Jugendliche Elio genießt tagtäglich die Trägheit des Sommers, die Anwesenheit seiner Familie, die Musik in seinen Adern. Aber er weiß nicht, wer er selbst ist. Was er möchte, was nicht.

Er trifft auf Oliver, der die Begeisterung für Kunst teilt, und denkt, in ihm das verborgene Teil seiner selbst gefunden zu haben, das letzte Puzzlestück, das letzte Buchkapitel, die letzte Abzweigung auf dem Pfad zu sich selbst. Zunächst stößt er aber auf Abweisung, Distanziertheit, Kühle.

„Find me“. Sie finden sich, vereinigen sich, eng umschlungen, ineinander, füreinander, miteinander, gegeneinander, übereinander, aber einander. Sie finden sich, denn Gleiches zieht sich an, die Sehnsucht ist gestillt, wie ein knurrender Magen nach einer Schale Obstsalat. Was gesehnt, ist neben, über, in dir, was gesucht, gefunden. Und doch ist es ein ewiges Spiel des Festhaltens, Nichtloslassenkönnens und der ewigen Suche. Und der Bedeutungslosigkeit der Gegenwart, wenn man selbst Zeuge einer größeren Magie, einer größeren Leidenschaft war und ich selbst mehr ich selbst bin als alleine. Man muss sich nicht nur finden, sondern festhalten und nicht loslassen.

Daten zum Buch:
Autor*in: André Aciman
Titel: Finde mich
OT: Find me
Übersetzung: Thomas Brovot
Seiten: 296
Erscheinungsjahr: 2020
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
ISBN: 978-3-423-28230-7
,Preis: 22,-€ (gebundene Ausgabe)
,goodreads: Buch 46/65 (2020
,,→ Hier ,kommst du zur Buchbeschreibung auf der Website des dtv-Verlags. 
,,→ Hier ,kommst du zur Rezension von «Call Me By Your Name». 

Die Erwartungshaltung gegenüber dem vorliegenden Werk ist unwahrscheinlich hoch, erreicht sein Vorgänger „Call Me By Your Name“ für mich fast schon den Status eines zeitgenössischen Klassikers. Das Buch und der dazugehörige Film erweckt mit seinen poetischen Tönen eine Uremotion ganz tief in meiner selbst, die sonst im Verborgenen bleibt. Es ermutigt mich, homosexuelle Erotik zu lesen, die nicht billig, sondern mit jedem seiner Worte sinnlich und ehrlich ist.

Mit „Find Me“ kann das Lesepublikum wieder in die Grundhandlung eintauchen und die Fortsetzung ist dabei glücklicherweise eigenständig genug, um nicht überflüssig zu erscheinen. Wir treffen wieder auf bekannte Figuren und vertraute Orte, wechseln aber häufiger die Perspektive und können so über den Tellerrand eines „Call Me By Your Name“ hinweg schauen.

Der Schreibstil ist nach wie vor atemberaubend und transportiert authentisch die Liebe für die Musik, die Kunst, den Menschen, den Körper und den Moment. Oft trifft das Werk den zeitlosen Ton, die spannenden philosophischen Ansätze und die erzählerische Ruhe, die für Aciman so charakteristisch sind. Dem Ende wohnt ebenfalls diese Intensität, die Stimmung und süße Melancholie inne, die diese Geschichte so magisch machen.

Ich fand es schön, dass seine Augen nicht von mir abließen, ich fühlte mich attraktiv, begehrenswert, es war etwas Zartes, Liedkosendes, und ich wollte es festhalten, nicht davor fliehen, es sei denn, ich hätte mich an seiner Brust verkriechen können. Ich mochte das Versprechen, das in seinem Blick lag, die Arglosigkeit, das Wohlwollen.

Mit seinen gerade einmal knapp dreihundert Seiten ist „Find Me“ erstaunlich kurzweilig. Durch den novellen- bzw. kurzgeschichtartigen Charakter wird das erzähltechnisch flotte Tempo noch befeuert. Das Buch ist in vier Teile aufgesplittet, die sich einer vertrauten Figur widmen, die neue Menschen kennenlernen, neue Beziehungen eingehen, neue Orte für sich entdecken, innerlich aber noch immer ähnliche Sehnsüchte, Hoffnungen und Verlangen wie all die Jahre zuvor besitzen. Immer wieder entstehen dabei anregende und besondere Dialoge zwischen Personen, die ungleicher nicht sein könnten. Somit sympathisiert sich der Autor mit allen „Liebe ist Liebe“-Slogans, entgegen aller gesellschaftlichen Vorstellungen und Konfessionen.

Insgesamt ist der Handlungsverlauf jedoch über weite Strecken nur wenig überraschend. Die Entwicklung der Familie wird etwas vernachlässigt; die Frage, wieso genau sie auseinanderbricht, bleibt ungeklärt. Die Möglichkeit, zum ersten Mal auch aus der Ich-Perspektive von Oliver zu berichten, lässt leider ungenutztes Potenzial liegen. Somit erreicht das vorliegende Werk oftmals nicht die emotionale Tiefe von „Call Me By Your Name“.

«Find Me» 
ist eine selbstständige und überzeugende Fortsetzung zum Sommerbuchs des Jahres – wer Elio und Oliver liebt, wird mit diesem Buch seine helle Freude haben!
Wertung: 7,5 von 10 Punkten
★★★★☆

Ich vergebe daher gute vier von fünf möglichen Sternen.

Zu diesen Büchern habe ich mit einigen Bloggerinnen eine Blogtour auf die Beine gestellt, die sich mit in den Werken angesprochenen Thematiken befasst. Ich habe dafür einen Hörfunkbeitrag zur „Sehnsucht“ erstellt, der etwa 8 Minuten dauert. Die obigen Absätze stammen aus dem Skript für dieses Projekt. Hier könnt ihr euch kostenlos das Special als „findichauch.“-Folge auf Spotify anhören:

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Hinweis: Zur Bewertung wurde mir durch den dtv-Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!