4,5 Sterne Bücher 🌈

Mut zur Wahrheit: Kritik zu „Off The Record – Unsere Worte sind unsere Macht“

Eine junge Nachwuchsjournalistin, die bei ihrem ersten großen Auftrag einen Missbrauchsskandal aufdeckt – mit „Off The Record“ legt Camryn Garrett ein Plädoyer für medienethische Verantwortung vor

Totgeschwiegener sexueller Missbrauch am Filmset

Sie kann es kaum fassen, als Josie erfährt, dass sie bei einem Wettbewerb für journalistische Nachwuchstalente gewonnen hat. Der Preis: eine mehrwöchige Pressetour zu einem Filmdrama über Konversionstherapien; über den jungen Hauptdarsteller darf sie ein Porträt für ein gefeiertes Popkultur-Magazin schreiben. 

Bei ihrer Reise durch die Staaten erhält sie einen Blick hinter die Kulissen mehrerer US-amerikanischer Filmproduktionen. Und deckt dabei Schreckliches auf: Ein gefeierter Regisseur vergreift sich am Set an mehreren Schauspieler*innen – und niemand spricht darüber; niemand deckt diese sexuellen Missbräuche auf. In ihrem Roman „Off The Record – Unsere Worte sind unsere Macht“ betont die 21-jährige Autorin Camryn Garrett die Wichtigkeit gut recherchierter journalistischen Inhalten – gerade in Zeiten von mehr schlecht als recht recherchierten Beiträgen auf sozialen Medien und Fake News ist das eine essenzielle Botschaft.

Porträtfoto von Garrett, die selbst als Kinderreporterin für die ‚Teen Vogue‘ aktiv war)
© Louise Wells

Auftritte im Web:

Buch bietet Fülle an wichtigen Thematiken

Durch die einfache Sprache und den oft parataktischen Satzbau kann das jugendliche Lesepublikum schnell in die Handlung eintauchen. Das vorliegende Buch reißt eine Fülle wichtiger Thematiken an, ohne dabei überladen zu wirken – und ist trotz des aufwühlenden Inhalts über 400 Seiten durchweg kurzweilig. 

Josie funktioniert als authentische Hauptfigur, die den Leser*innen ungefiltert ihre inneren Konflikte mitteilt. Sei es ihr eigenes Übergewicht, an dem sie ihren Selbstwert misst; ihr unersättlicher Ehrgeiz, der sie zwischenmenschliche Nähe kostet; ihre Angststörung, die sie in Interviewsituationen erstarren lässt; ihre Bisexualität, die sie für sich erkunden muss; ihre Hautfarbe, wegen der sie sich unter weißen Personen oft unwohl fühlt – diese Konflikte spricht sie mit ehrlicher und erfrischender Direktheit an, die vielen jungen Leser*innen große Identifikationsfläche bieten dürfte. 

Hinterfragen der Übermachtstellung des „alten weißen Mannes“

Die politische Brisanz des Buchs wird nicht nur deutlich, wenn man sich den großen Missbrauchsskandal von Harvey Weinstein und das bestehende Machtverhältnis vor Augen führt: ein Filmschaffender, der sich an Angestellten vergreift. Vielmehr ist „Off The Record“ ein Versuch, die Übermachtstellung des „alten weißen Mannes“ – als überzeichnetes Stereotyp für Personen, die aufgrund angeborener Umstände alle gesellschaftlichen Privilegien genießen – zu hinterfragen. 

„Wir dürfen das nicht einfach verschweigen.“
„Wir müssen es verschweigen“, faucht er. „Reden wird nichts retten, Josie. Er hat die Macht. Er kann jeden von uns innerhalb einer Sekunde vernichten. (…)“

Übersetzerin Isabel Abedi (bekannt aus Werken wie „Whisper“)
© Sarah Schüddekopf

Starke Dialoge über die Scham der Missbrauchsopfer

Camryan Garrett beweist ihr schreibtechnisches Feingefühl vor allem in den starken Dialogen: Die verzweifelte Scham der sexuell missbrauchten und objektifizierten Personen schnürt einem den Hals zu und lässt sprachlos werden angesichts der Ungerechtigkeiten, die sich abspielen. Sich trotz möglicher Konsequenzen dagegen aufzulehnen und die Stimme zu erheben – dazu möchte die Autorin ihre Leser*innen ermutigen. 

Plädoyer für konstruktiven Journalismus

Das vorliegende Jugendbuch ist ein Plädoyer für den konstruktiven Journalismus und die medienethische Verantwortung. Es möchte beweisen, dass man mit dem Mut zur Wahrheit gesellschaftliche Veränderung erzielen kann.

Belanglose Liebesgeschichte und vorschnelles Ende nehmen Schlagkraft

Diese Schlagkraft wird teils verschleiert durch die romantischen Elemente, die die Handlung in sich birgt. Die recht vorhersehbare Liebesgeschichte wirkt bei all dem harten thematischen Tobak zwar auflockernd, gleichzeitig aber deplatziert und überflüssig. Auch wirkt das Ende etwas schnell „abgefrühstückt“: Die Auswirkungen von Josies Mut – und dem daraus entstehenden Medienecho – sind nur ansatzweise erkennbar; das Fortschreiten ihrer beruflichen Zukunft als Ausgangspunkt der Handlung bleibt offen; und auch über die rechtlichen Konsequenzen für den Regisseur erhalten die Leser*innen keine Auskunft. 

Fazit

Insgesamt ist „Off The Record“ aber ein kraftvoller Roman einer inspirierenden Autorin über journalistische Verantwortung, gegenseitige Fürsorglichkeit und den Mut, über sich selbst herauszuwachsen – unbedingte Leseempfehlung!