3 Sterne Bücher

The Loop 1

Ein weltweites Einparteiensystem, eine Software, die sämtliche bürokratischen Aufgaben übernimmt, und ein brutales Bestrafungsverfahren – das ist unsere graue Zukunft, wenn wir der Vision von Ben Oliver, dem Autor von „The Loop“, Glauben schenken.

– Eine Rezension von Johannes Streb.

Luke ist vierzehn Jahre alt und sitzt seit zwei Jahren in einem Hightech-Hochsicherheitsgefängnis. Die Zellen sind beengt, die Freiheiten auch und eine strenge Routine durchzieht den Alltag des jungen Häftlings: Aufstehen, Sport machen, eine halbe Stunde an die frische Luft und dann die Energieernte – ein grausiges Verfahren, mittels dem den Insassen alle körperliche Kraft geraubt und zur Stromherstellung für das Gebäude genutzt wird. Chancen zu fliehen? Die gehen gleich null.

Es ist alles so sinnlos, so hoffnungslos. Aber nichts anderes ist zu erwarten von einem System, in dem die politische Führung kein Mitleid kennt, Barmherzigkeit in der Rechtsprechung nicht existiert und Algorithmen und Computer über menschliche Schicksale entscheiden.

Erschreckende Zukunftsvision reißt sofort mit

Der unmittelbare Einstieg wirft die Leser:innen sofort in die Mitte des Geschehens. Ich brauchte nicht lange, um mich in der dystopischen Welt zurechtfinden und über die pessimistischen Ideen und Umstände empören zu können. Ben Oliver baut eine gut durchdachte Welt auf, die durch das konsequente Weiterdenken gegenwärtiger Entwicklungen besticht: So realitätsfern wirkt das Szenario nämlich nicht.

Der einfache, raue Schreibstil unterstreicht gut die kühle Atmosphäre des Werks. So ist die flapsige, teils derbe Formulierungsweise dem Versuch geschuldet, das Umfeld authentisch darzustellen. Luke fungiert als schlicht ausgearbeiteter Hauptcharakter, aus dessen Perspektive wir die rasante Handlung miterleben. Seine interessante Hintergrundgeschichte über den Grund seines Gefängnisaufenthalts wird spannungstechnisch geschickt zeitlich aufgeschoben.

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Handlung kippt nach vielversprechendem Auftakt

Es reizt mich, in der ersten Hälfte zu beobachten, wie viele kleine Ideen und Innovationen der Autor in sein Buch einbaut und technologische Fortschritte entwirft, die auf der heutigen digitalen Generation aufbauen. Der Ton ist für ein Jugendbuch erfrischend rau und barsch; trotz vieler bereits aus anderen dystopischen Werken bekannten Motive findet sich genügend Platz für Neues. Umso enttäuschender ist es daher, dass „The Loop“ in seiner zweiten Hälfte in vorhersehbare und stereotype Erzählmuster fällt.

Ein Virus, das sich auf der Welt verbreitet und alle „Menschen in Killermaschinen verwandelt“ (Zitat Klappentext)? Diese Wendung mag uns spätestens nach über zehn Staffeln „The Walking Dead“ vage bekannt vorkommen. Wo im ersten Akt noch beklemmende Isolation und kluge Impulse dominierten, tischt uns Autor Ben Oliver gegen Ende eine vorhersehbare Hau-drauf-Actiongeschichte auf, bei der ich jegliche erzähltechnische Raffinesse vermisse.

Vielversprechende Handlungsstränge verlaufen ins Belanglose; spannende offene Fragen werden nicht beantwortet oder lieblos „abgefrühstückt“. Mir ist bewusst, dass ein zweiter Teil erscheinen soll. Aber einen großartigen Plot derart lieblos in die Pfanne zu hauen, nimmt dem Buch seine ganze Dynamik.

In diesem Moment sind wir einfach nur glücklich – trotz des Krieges, der um uns herum tobt. Vielleicht ist es ja sogar besser, schießt es mir durch den Kopf, in einer verwüsteten Welt frei zu leben, als in einer utopischen Gesellschaft eingesperrt zu sein?

Kraftloser Showdown, offene Fragen – wo bleibt Teil 2?

Der letztendliche Showdown wirkt aufgeplustert und konstruiert. Woher zum Teufel kommt denn auf einmal der Antagonist? Er bleibt ein oberflächlicher Charakter, über den das Lesepublikum zu wenig Informationen erhält. Seine Hintergrundmotive sind daher größtenteils nicht verständlich. Wie hat sich der Mensch zu dem entwickelt, der er heute ist? Wie kam er zu seiner Position in der globalen politischen Struktur? Wie hat sich diese Diktatur überhaupt etabliert?

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Weder das schockierende Ende à la „1984“ noch der Cliffhanger mit einigen

Versprechen auf Teil zwei können über die Tatsache hinwegtäuschen, dass ich mich am Ende des Buchs ernüchtert fühlte. Es kann gut sein, dass der Folgeband durch die Klärung von offenen Fragen einige Schwächen von „Das Ende der Menschlichkeit“ glättet – dennoch fühlt sich das Werk unvollständig und lückenhaft an.

Ein Zustand, der mich unbefriedigt zurückließ.

«The Loop 1» ist ein mitreißender und atmosphärischer Auftakt, der mehr Fragen stellt, als er beantworten kann.

Wertung: 6,5 von 10 Punkten

★★★☆☆


Hintergrundinformationen

Autor:in: Ben Oliver

Titel: The Loop. Das Ende der Menschlichkeit

Übersetzung: Birgit Niehaus

Seiten: 400

Erscheinungsdatum: 01.10.2020

Verlag: Carlsen Verlag

ISBN: 978-3-551-52118-7

Preis: 15,– €

,Link:, ,Buchbeschreibung auf der Website von Carlsen

Jeder Tag im Loop ist die Hölle. Seit zwei Jahren sitzt Luke im Hightech-Jugendgefängnis und wartet auf seine Exekution. Eingesperrt in einer dunklen Zelle, lässt er einmal am Tag die schmerzhafte Energie-Ernte über sich ergehen, die ihm jegliche Kraft raubt. Die immergleiche Routine zerrt an seinen Nerven – bis sich alles ändert. Wachen verschwinden, Insassen nehmen sich das Leben, ein Ausbruch aus dem Loop scheint nun möglich. Doch Gerüchten zufolge kursiert draußen ein Virus, das Menschen in Killermaschinen verwandelt. Und plötzlich ist ungewiss, wo die größere Gefahr lauert…

Hinweis:

Zur Bewertung wurde mir durch den Carlsen-Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!