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Queeres ‚1984‘ mit schwachem Worldbuilding – Kritik zu THE OUTRAGE

Ein queeres ‚1984‘: Eine faschistische Partei unterdrückt gezielt queere Existenzen. Zwei schwule Jugendliche im Kampf gegen das System – in William Husseys Dystopie THE OUTRAGE (2021). 

Queere Existenzen gelten als ‚rehabilitierbar‘

England in einer unbestimmt entfernen Zukunft: Eine faschistische, autokratische Partei erschuf ein Gesellschaftssystem, in dem queere Existenzen als ‚rehabilitierbar‘ gelten. Das sei eine Antwort auf eine angeblich zersplitternde und isolierende Identitätspolitik der vorherigen (LGBTQ-toleranteren) Regierung, so die Überzeugung der ‘Public Good Party‘. 

Dieses Szenario mag vor dem Kontext des Angriffskrieges in der Ukraine und vielen weiteren queerfeindlichen Nationen schockieren und ein negatives Faszinosum für Liebhaber:innen von Dystopien sein. Leider wird hier dem Lesepublikum der Einstieg in das Handlungsuniversum erschwert, indem es sehr langsam mit neuen Informationen zum Worldbuilding gefüttert wird. Die vom Protektorat regierte Welt erweitert sich vielmehr in beliebigen Abständen und Ausmaßen, so wirkt es.

THE OUTRAGE lässt zu viele Fragen unbeantwortet

Der Erfolg von Dystopien fußt auf der Geheimformel, den Leser:innen ein (zunächst) schlüssiges Gesellschaftssystem zu präsentieren. Dieses fiktionale Szenario orientiert sich meistens an zeitgenössischen – und aus der Sicht der Autor:in besorgniserrgenden – sozialen Entwicklungen.

Diese Rechnung geht hier nicht auf: Wieso gibt es keine Interventionen, wenn die Regierung konsequent gegen Menschen- und Kinderrechte verstößt? In welchem Bezug steht das ehemalige England zu den anderen Nationen? Diese notwendigen Fragen lässt THE OUTRAGE unbeantwortet.

Die Macht des Protektorats wird mehrfach untergraben: etwa indem die 17-jährigen Charaktere die billigen propagandistischen Mittel schon seit Jahren mühelos durchschauen. Sie setzen sich mutig über Gesetze hinweg, was entweder ihnen Leichtsinnigkeit oder dem System konsequente Brüchigkeit unterstellt. Auch Beamt:innen scheinen die agitierten Regeln nicht ernst zu nehmen.

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Narrative Parallelmontage schafft Bezug zwischen Zeitebenen

Im Zentrum der Handlung steht die schwule Liebesbeziehung zwischen Ich-Erzähler Gabe und Eric. Die narrative Parallelmontage schafft eine interessante Bezüglichkeit zwischen gegenwärtigen und vergangenen Momenten. Indem verschiedene Dialoge und Zeitebenen nahtlos ineinander übergehen, schafft William Hussey die Konfrontation von Wort und Tat, Wunsch und Realität.

Dass es sich bei Eric aber um den Sohn eines hochrangigen Inspektors handelt, mit dem Gabe in einem nicht nachvollziehbaren Mut flirtet, entmachtet das System. Selbst die prosaische Darstellung der Liebesmacht wirkt vor dem Hintergrund einer Autokratie, die sie für ebenjene foltert, wirkt hier stellenweise unglaubwürdig.

I think of the hate he‘s been fed all his life, poisoning him against himself. Whatever happens between us, I want Eric to know that he‘s okay, just the way he is.

Hussey, William: The Outrage. Regensburg: Usborn Publishing 2021, S. 146.

Hauptfigur mit journalistischem Selbstanspruch

Es ist der journalistische Selbstanspruch, der der Hauptfigur echtes Profil verleiht: Gabe möchte das Problembewusstsein schüren, indem er die Ungerechtigkeit in der eigenen Heimat filmisch aufzeichnet und in andere Länder trägt.

Dieser Antrieb scheint ihm zugunsten eines Happy Ends verloren zu gehen. Die eigenen Prinzipien abermalig für die queere Beziehung über Bord zu werfen, setzt eine fragliche Wertepriorisierung voraus.

[…] if anyone will ever get to tell the story of what goes on under the Protectorate, it‘ll be you, Gabe. You‘ll show the world. You‘ll make them see.

Hussey, William: The Outrage. Regensburg: Usborn Publishing 2021, S. 67.

Viel ungenutztes Potenzial in THE OUTRAGE

Besonders die zweite Hälfte des Buches lässt viel Potenzial ungenutzt. Es scheint, als zwänge der Autor – nach einer langen Durststrecke im Mittelteil – eine belanglose Wendung nach der anderen in die letzten dreißig Seiten. Und doch lässt der Roman so viele Fragen offen, dass die Erwartungshaltung der Leser:in nicht zufriedengestellt wird. Genau der essenzielle Moment – das Kippen des Systems – wird ausgespart; interessante Handlungselemente wie die Rebell:innen und der Zeitgeist der Öffentlichkeit nur angerissen.

Auch die Ausgestaltung der Antagonist:innen leidet unter der stetig abnehmenden erzählerischen Raffinesse. THE OUTRAGE mangelt es an politischen Akteur:innen, die den omnipräsenten Faschismus illustrieren und seine Existenz belegen. Die Handlung ließe sich deutlich kürzer erzählen, die drohende Gefahr ist leicht zu besiegen: Der Ausdruck „Evil isn’t only unoriginal, it’s epically stupid“ (S. 379) funktioniert hier wunderbar als Allegorie für den enttäuschenden, überraschungskargen Spannungsbogen.

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Wichtigkeit von queerer Repräsentanz

Starke Aufklärungsarbeit leistet das Buch dennoch: Der Autor unterstreicht die Wichtigkeit von queerer Repräsentanz, gestützt durch sein persönliches Nachwort, in dem er die Motivation hinter dem Roman beleuchtet. Innerhalb eines Zensurprozesses durch das Protektorat zerstörte Filme fungieren als popkulturelle Referenzen und einem pseudoretrospektiven Fenster in die Vergangenheit: Die Dialoge vermitteln einen Wert von Machtkritik in einer Unterhaltungswelt, in der zu wenig über das eigene Konsumverhalten reflektiert wird.

Etwas schade ist, dass sich THE OUTRAGE dabei stark auf bildungsbürgerliche, schwule cis Männer stützt, ohne andere queere Identitäten gleichberechtigt einzusetzen. Hier gerät das Werk in die Gefahr des Mansplaining: etwa wenn ein Schwuler im Rahmen einer kleinen Rebell:innen-Gruppe die filmische Repräsentation von transidenten Menschen bewertet oder ein Outingprozess als überraschendes Moment innerhalb einer Handlung instrumentalisiert wird.

I‘ve seen now how movies are like a knife: they can be used as a tool to feed and nourish or as a weapon to hurt and destroy.

Hussey, William: The Outrage. Regensburg: Usborn Publishing 2021, S. 109.

Insgesamt bleibt für mich der ernüchternde Eindruck hängen, um viele Informationen – und damit verbundenes Potenzial – betrogen worden zu sein.

Fazit

THE OUTRAGE ist queeres ‚1984‘ mit wichtiger Aufklärungsarbeit, leidet aber unter einem schwachen Worldbuilding und den narrativen Durststrecken.

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.

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