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Politik beim ESC? Belarus droht Disqualifikation: »Ya Nauchu Tebya (I’ll Teach You)« – Galasy ZMesta 🇧🇾

„12 points go to…“ Jährlich treffen im Mai beim „Eurovision Song Contest“ (ESC) unzählige europäische Länder aufeinander, um zusammen die Musik zu feiern. Für politische Symbole soll bei diesem Event kein Platz sein. Ansonsten droht die Disqualifikation – das musste Belarus mit seiner Band Galasy ZMesta dieses Jahr am eigenen Leib erfahren. 

ESC-Regeln erlauben „no gestures of a political nature“

”No lyrics, speeches, gestures of a political, commercial or similar nature shall be permitted during the ESC. No swearing or other unacceptable language shall be allowed in the lyrics or in the performances of the songs“[1] – so steht es in den offiziellen ESC-Regeln festgeschrieben. Dennoch schickt Belarus dieses Jahr einen Song ins Rennen, der sich mit dem diktatorischen Lukaschenko-Regime sympathisiert und oppositionelle Protestant*innen verspottet: Staatsoberhaupt Lukaschenko konnte sich nur durch immensen Wahlbetrug und unter schweren Menschenrechtsverletzungen auf seiner Machtposition halten.[2]

Hier kannst du dir Belarus‘ Beitrag ansehen. Von dem Eurovision-YouTube Kanal wurde der Clip entfernt.

„Ich lehre dich, zur Pfeife zu tanzen“ – Unterwürfigkeit gegenüber Lukaschenko-Regime

„Ya Nauchu Tebya (I’ll Teach You)”, so heißt der Song der Band Galasy ZMEsta, der von dem weißrussischen Broadcaster BTRC intern ausgewählt wurde – das heißt, ohne Vorentscheid mit Publikumsabstimmung. Es sind Phrasen wie „I’ll teach you how to dance to a tune” und “I’ll teach you how to walk along the line”[3] (von der russischen Originalsprache ins Englische übertragen), die viele Kritiker*innen als Unterwürfigkeit gegenüber einer repressiven Staatsmacht lesen. Und wenn du gelernt hast, zur Pfeife zu tanzen und den Köder zu schlucken, wirst du am Ende „zufrieden und mit allem glücklich sein“, heißt es in der deutschen Übersetzung.[4]

Im Interview mit der Deutschen Welle liest ESC-Experte Irving Wolther diese Zeilen als politische Äußerung, vor allem „vor dem Hintergrund, dass sich die Band in der Vergangenheit häufig sehr abfällig und ironisch über die Oppositionsbewegung geäußert hat“ [5] (siehe auch hier[6]) – einer Bewegung, die sich pro-demokratisch gegen einen Präsidenten äußern, der das Land seit mehreren Jahrzehnten diktatorisch regiert.[7]

Belarus‘ Beitrag löst große digitale Wellen aus

Direkt mit der Veröffentlichung des Musikvideos am 9. März ging eine gewaltige Welle von Negativkommentaren und -bewertungen einher: Bei einer Anzahl von 500.000 Aufrufen erhielt der 3-minütige Clip 5.800 Likes („Daumen hoch“) und über 40.000 Dislikes („Daumen runter“). Das Video fällt durch seine rotgrüne Bildgestaltung auf, die der aktuellen weißrussischen Flagge entspricht – die sonst überwiegend Lukaschenkos Anhänger*innen schwenken. Oppositionelle verwenden hingegen eine weiß-rote Flagge, die nach dem Zerfall der Sowjetunion Belarus‘ Nationalflagge war und an eine Zeit ohne den Diktator an der Landesspitze erinnert[8]. Mittlerweile wurde das Video vom offiziellen YouTube-Kanal des Eurovision Song Contest entfernt.[9]

Bereits vor der Bekanntgabe von „Ya Nauchu Tebya“ als ESC-Beitrag gab es die Kampagne der „Belarusian Foundation for Cultural Solidarity“, die forderte, Belarus aufgrund des Broadcasters BRTC zu disqualifizieren, der propagandistische Zwecke verfolge. Der Gründer Sergey Budkin begründet dies folgendermaßen: “BT today is not a media broadcaster, but an instrument of political pressure and propaganda.”[10]

Fanseiten verweigern Berichterstattung, Petitionen gegen den Beitrag

Auch der Nutzer dante startete eine Petition auf change.org mit dem Anlass, Belarus vom ESC zu exkludieren. Er begründete sein Vorhaben unter anderem mit der Unterstützung der Band des diktatorischen Lukaschenko-Regimes. Der Frontsänger von Galasy ZMEsta, Dmitri Butakov, soll dies so begründet haben: “This is my opinion. I express it, as I do. Do I have the right to do so? Whoever doesn’t like it – go fuck off. Listen to other songs. And we just sing our own.“ An der Petition nahmen 2.220 Menschen teil.[11]

Mehrere Eurovision-Fanblogs stellten sich offen gegen den weißrussischen Beitrag und weigerten sich strikt, weiterhin über Belarus zu berichten. Die Seite Eurovoix beispielsweise begründet diese Entscheidung folgendermaßen:

“The lyrics of the song support a government agenda that silences its citizens and imprisons its journalists for speaking out over basic human rights issues. The Belarusian population does not deserve to be represented by lyrics demanding that they “dance to the tune” of a violent dictatorship.”

[12]

Lukaschenko reagiert süffisant auf EBU-Statement

Am elften März veröffentlichte die European Broadcasting Union (EBU) ein offizielles Statement. „Ya Nauchu Tebya“ könne in dieser Form nicht am Wettbewerb teilnehmen: “It was concluded that the song puts the non-political nature of the Contest in question.” Belarus müsse eine modifizierte Version veröffentlichen oder einen alternativen Beitrag festlegen, der vereinbar mit den Regeln des ESC sei. Geschehe dies nicht, werde das Land vom diesjährigen Contest disqualifiziert.[13]

Staatsoberhaupt Lukaschenko äußerte sich daraufhin in der Nachrichtenagentur BelTA mit den folgenden (süffisanten) Worten: “They are starting to press us on all fronts. Even at Eurovision, I see. What are these guys there? Well, they just added authority to them. As they say, good PR. Well, if anything, we’ll make another song. No question.”[14][15]

ESC als Zielscheibe weißrussischer Politik

Es ist auch nicht das erste Mal, dass der Eurovision Song Contest Zielscheibe weißrussischer, politischer Motivationen ist. Das Musikduo VAL, das im Vorentscheid „Natsionalniy Otbor“ 2020 mit ihrem Titel „Da Vidna“ das Ticket nach Rotterdam lösten, wurden nicht erneut direkt nominiert – so wie das beispielsweise in Island, der Schweiz oder Malta der Fall war.

Der Grund: Sie gaben Interviews mit nicht genehmigten Medien – also denjenigen, die nicht unter dem Einfluss des weißrussischen Staats stehen.[16] Die Musiker*innen gaben an, zwangsweise bei Konzerten für den Staat auftreten zu müssen. Ebenso setzte sich VAL bei Protesten gegen Alexander Lukaschenko ein.[17] Der BTRC begründete diese Entscheidung mit den folgenden Worten:  “The VAL group will really not go to Eurovision 2021 and this will happen not because something “broke” at BTRC or censorship, but because the artists of the VAL group have no conscience.”[18]

ESC auch weiterhin politikfrei?

Es bleibt also abzuwarten, ob und wie Belarus dieses Jahr am Eurovision Song Contest mitwirken wird. Die Entscheidung der EBU war insofern richtig, als dass sie als einzige Instanz die politische Neutralität des ESC gewährleisten kann. Sodass dieses Event auch weiterhin eine Insel musikalischer Freude sein kann und nicht der Austragsort autokratischer Bestrebungen. 


Quellen

[1] EBU: Rules. https://eurovision.tv/about/rules (abgerufen am 19.03.2021). 

[2] Deutschlandfunk (06.11.2020): OSZE fordert Wiederholung der Wahl. https://www.tagesschau.de/ausland/belarus-osze-wahl-101.html (abgerufen am 10.03.2021). 

[3] Genius (09.03.2021): Галасы ЗМеста (Galasy ZMesta) – Ya Nauchu Tebya (I’ll Teach You) [English Translation]. https://genius.com/Genius-english-translations-galasy-zmesta-ya-nauchu-tebya-ill-teach-you-english-translation-lyrics (abgerufen am 19.03.2021). 

[4] Reuters (11.03.2021): Europäische Rundfunkunion lehnt Beitrag aus Belarus ab. https://www.spiegel.de/kultur/musik/eurovision-song-contest-ebu-lehnt-beitrag-aus-belarus-ab-a-cd4cee24-dd10-477d-9d10-bf1b126d93df (abgerufen am 19.03.2021). 

[5] Goncharenko, Roman (12.03.2021): Versteckte Propaganda? Belarus muss ESC-Lied austauschen. https://www.dw.com/de/versteckte-propaganda-belarus-muss-esc-lied-austauschen/a-56853950 (abgerufen am 19.03.2021).


[6]
 Ten Veen, Renske (09.03.2021): Belarus: Galasy ZMesta will sing “Ya nauchu tebya” at Eurovision 2021. https://wiwibloggs.com/2021/03/09/belarus-galasy-zmesta-sing-ya-nauchu-tebya-eurovision-2021/263021/ (abgerufen am 19.03.2021). 

[7] Zeit Online (05.11.2020): OSZE fordert Wiederholung der Präsidentschaftswahl in Belarus. https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-11/belarus-osze-wiederholung-praesidentschaftswahl-alexander-lukaschenko-proteste?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com (abgerufen am 20.03.2021). 

[8] Ivits, Ellen (18.08.2020): Wo kommt auf einmal die weiß-rote Fahne in Belarus her? https://www.stern.de/politik/ausland/proteste-in-belarus–wo-kommt-auf-einmal-die-weiss-rote-fahne-her—9379880.html (abgerufen am 20.03.2021).

[9] Link: https://www.youtube.com/watch?v=_RMHKaIsac0&list=PLmWYEDTNOGUIFKZpE5Z2uOA5i48KVfqju&index=3 (abgerufen am 20.03.2021).

[10] Ioannou, Dimitris (23.01.2021): Campaign urges EBU to remove Belarus from Eurovision 2021. https://escxtra.com/2021/01/23/campaign-urges-ebu-to-remove-belarus-from-eurovision-2021/ (abgerufen am 20.03.2021).

[11] Dante: Belarus withdrawal from Eurovision 2021. http://chng.it/W9h8RVRprc (abgerufen am 19.03.2021). 

[12] Deakin, Samuel (10.03.2021): Eurovoix’s Statement on the Participation of Belarus at the Eurovision Song Contest. https://eurovoix.com/2021/03/10/galasy-zmesta-belarus-statement/ (abgerufen am 19.03.2021).

[13] Eurovision Song Contest (16.03.2021): Latest news: Måneskin release video for Zitti E Buoni. https://eurovision.tv/story/latest-news-march-2021 (abgerufen am 19.03.2021).

[14] Blackie, Matthew (14.03.2021): Belarus: Lukashenko makes first public comments since EBU disqualified “Ya nauchu tebya”. https://eurovoxx.tv/belarus-lukashenko-makes-first-public-comments-since-ebu-disqualified-ya-nauchu-tebya/ (abgerufen am 19.03.2021). 

[15] BelTA (13.03.2021): Лукашенко о требованиях к белорусским участникам „Евровидения“: только авторитета им добавили.  https://www.belta.by/president/view/lukashenko-o-trebovanijah-k-belorusskim-uchastnikam-evrovidenija-tolko-avtoriteta-im-dobavili-432500-2021(abgerufen am 20.03.2021).

[16] Hertlein, Benjamin (26.09.2020): Belarus: VAL protestieren gegen Lukaschenko und dürfen nicht am ESC 2021 teilnehmen. https://esc-kompakt.de/belarus-val-protestieren-gegen-lukaschenko-und-duerfen-nicht-am-esc-2021-teilnehmen/ (abgerufen am 19.03.2021). 

[17] NDR (11.03.2021): EBU disqualifiziert Song von Galasy ZMesta aus Belarus. https://www.eurovision.de/news/EBU-disqualifiziert-Song-von-Galasy-ZMesta-aus-Belarus,belarus130.html (abgerufen am 19.03.2021). 

[18] Granger, Anthony (25.09.2020): Belarus: “VAL Will Not Go To Eurovision 2021” – BTRC. https://eurovoix.com/2020/09/25/belarus-val-will-not-go-to-eurovision-2021-btrc/ (abgerufen am 19.03.2021).

Der Eurovision Song Contest

Ein europäischer Musikwettbewerb mit jährlich 200 Millionen Fernsehzuschauer*innen – der „Eurovision Song Contest“ (ESC) ist eine meiner größten Leidenschaften der letzten Jahre und ich möchte meine Faszination nach außen weitergeben!🌍🧡

Nachdem das weltweit größte Musikspektakel letztes Jahr coronabedingt entfallen musste, versammeln sich dieses Jahr 41 teilnehmende Länder in Rotterdam, um die Musik zu feiern!🙏❤️

→ Hier findest du meine persönliche Rankingliste zu allen bisher erschienenen Beiträgen!🌞

Eurovision Spotify-Playlists:

»Eurovision 2021«

»eurovision bops«

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.

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