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Dauerhaft ungebunden sein – Kritik zu DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT

Einfach nur ankommen wollen: DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT (Joachim Trier, NOR 2021) porträtiert eine junge Frau auf der Suche nach Erfüllung in der Beziehung, im Berufsalltag und im Zwischenmenschlichen. Der Film ist ein Ausdruck einer dauerhaften Ungebundenheit in der Millenial-Generation.

Norwegischer Beitrag für den „Besten Internationalen Film“-Oscar

Als Auftakt für das Sommerkino am Kulturforum Berlin zeigte die Yorck-Kinogruppe am 1. Juni den norwegischen Beitrag zur internationalen Sparte der diesjährigen Oscar-Verleihung. Ein kühler Wind fegt über die Stuhlreihen, als die ersten Szenen des Dramas auf der aufblasbaren Leinwand flimmern – und doch verlasse ich das Kinogelände mit einer Wärme im Herzen, die lange nachhallt.

Im Zentrum der Handlung steht Julie (Renate Reinsve), die sich am Anfang ihrer Dreißiger mit einem Gefühl des ständigen Auf-der-Suche-sein konfrontiert sieht. Ihr fällt es schwer, sich an Orte, Dinge und Menschen zu binden – liebt sie doch so sehr die Autonomie, das spontane Treibenlassen und die Neuanfänge.

„Ich fühle mich, als hätte ich eine Nebenrolle in meinem eigenen Film“

„Ich fühle mich, als hätte ich eine Nebenrolle in meinem eigenen Film“ – mit diesen Worten beschreibt sie ihr Umfeld, das ihr Handeln beeinflussen möchte: Ihr deutlich älterer Partner Aksel (Anders Danielsen Lie) vergisst nicht seine Reife und angebliche Überlegenheit zu betonen, da er wisse, was gut für sie sei. Ihr Umfeld hegt zahlreiche Erwartungshaltungen an sie: Wann kommen die Kinder? Wann entscheidest du dich endlich, welchen Beruf du wählst?

Wunderbare, einnehmende Performance:
Renate Reinsve als Julie

Und doch schweift Julies Blick immer wieder in die Ferne – als würde sie auf etwas Besseres, Erfüllteres warten, das noch unentdeckt in der Ferne liegt. Renate Reinsve verkörpert eine taffe und selbstironische Frau – glänzt aber vor allem in den schonungslosen Momenten, in denen sie die Abhängigkeit von ihren Mitmenschen realisiert.

Subtile Tonveränderung schafft vielschichtiges Bild von Julie

Die Mise en Scène inszeniert eine gemütliche und behagliche Atmosphäre innerhalb des Handlungsortes Oslo, was im Kontrast zu dem stetigen Fluchtinstinkt von Julie steht. Besonders sticht eine Szene hervor, in der Julie durch die gesamte Stadt ihrem Glück hinterher rennt, während alle Zivilist:innen im Freeze sind. Auch sorgen die Voice-Overs der Erzählerin, die die Figuren proaktiv unterbricht, um genau denselben Wortlaut wiederzugeben, für komische Momente.

Läuft auch gerade im Kino:
EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE (Dan Kwan/ Daniel Scheinert, USA 2022) – herrlich absurdes, noch nie da gewesenes Fantasy-Spektakel 

Der Film ist in 12 Teile zuzüglich Pro- und Epilog gegliedert. Dies schafft eine Grundlage für eine angenehm episodenartige Erzählstruktur. Während die erste Hälfte durch humorvolle Sinnsuche und Probierfreude gekennzeichnet ist, widmet sich Julie schlussendlich einer Selbstreflexion und schmerzhaften Wertbeimessung von Erinnerungen. Diese Tonveränderung kommt subtil, und schafft ein vielschichtiges Bild von der Protagonistin.

Es bereitet Freude, sie auf ihrer Selbstfindung zu beobachten, und den Wunsch nach ständiger Autonomie und der Angst vor Intimität im eigenen Denken zu entlarven. So lassen sich diese Auswirkungen einer durchkapitalisierten, digitalen Sozialisierung, die uns vereinsamen lässt, in den Kontext mit dem Titel des Films bringen: Julie ist wirklich nicht DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT, im Gegenteil. Vielmehr liegt hier ein Indiz für Anpassungsversuche und resultierende Selbstkritik in einer erwartungsvollen Gesellschaft vor, der Julie ausgesetzt ist.

Fazit

DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT ist ein beflügelnder und ehrlicher Film – und ein Ausdruck für den fehlenden Bindungswillen einer jungen Generation.

Trailer

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.

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