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Noch nie da gewesen – Kritik zu EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE

Ein gigantischer Bagel als Menschheitsbedrohung, Analplugs als funktionale Zeitsprungobjekte und eine Steuerbeamtin als durchtriebene Killerin – eine solch herrliche Skurrilität ist in EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE (Dan Kwan/ Daniel Scheinert, USA 2022) derzeit im Kino zu beobachten.

Ein Plädoyer, wieso alle diesen Film auf der großen Leinwand erleben sollten.

Lange Exposition, bis der Film plötzlich in eine skurrile Erzählung über Multiversen kippt

Die ausgiebige Exposition nimmt sich Zeit zur Etablierung der Hauptfigur Evelyn Wang (einzigartig verkörpert von Michelle Yeoh) als gestresste, ausgelastete Mutter, Ehefrau und Betreiberin eines Waschsalons. Die gezeichneten persönlichen Thematiken alleine bieten schon genügend Stoff für ein Familiendrama: Ehekrisen und familieninterne Reibungen, finanzielle Engpässe, Probleme mit den Behörden aufgrund eines Fehlers in einer Steuererklärung, ja, auch das Gefühl des Ausgeliefertseins von Migrant:innen wird thematisiert.

So weit, so gut – bis dieser humorvolle, hektische Einstieg ohne Vorwarnung in eine skurrile, farbenfrohe Erzählung über Multiversen und Weltensprünge kippt. Dem akustischen und visuellen Ideenreichtum scheinen keine Grenzen gesetzt: Die farbdurchtränkte Filmsprache besticht durch vielfältige Ästhetiken, Filmformate und Spezialeffekten. Fast beiläufig eröffnet das Narrativ zahlreiche Metaebenen und zielt darauf, das Publikum zu überfordern und überreizen.

Gestresste Mutter, Ehefrau, Unternehmerin – und Superheldin: Michelle Yeoh als Evelyn Wang

Filmisches Universum unbegrenzt weit dehnbar – und doch spielt die Handlung in einem Waschsalon und einer Steuerbehörde

Hervorragend choreografierte Actionsequenzen, ein durchweg pointierter Humor und die schnelle Schnittfrequenz bringen in den über zwei Stunden langen Streifen eine beeindruckende Dynamik. Und gerade weil nicht klar ist, wie weit sich die Filmschaffenden aus dem Fenster lehnen und noch eine Schippe drauf legen, ist das Publikum darauf angewiesen, die dargebotene Absurdität und Reizüberflutung zu akzeptieren. Der hervorragende Titel EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE bereitet die Zuschauer:innen schon auf diese Ideenflut vor.

Das filmische Universum scheint unendlich weit dehnbar – und doch spielt die dargebotene Handlung lediglich in einem Waschsalon und einer Steuerbehörde. Mit seiner durchweg sympathischen Art nimmt der Film bürokratische Prozesse aufs Korn, die die Menschlichkeit aus den durchstandardisierten Vorgängen exkludieren. Da verwandelt sich eine Beamtin auch gerne mal in eine unbarmherzige Mörderin, die spinnenartig auf ihre Beute zukrabbelt (in einer exzellenten, selbstironischen Performance von Jamie Lee Curtis).

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Bedeutung des eigenen Lebens in hyperkapitalistischer Umgebung

Dieses Überangebot an farbgesättigten Sequenzen konfrontiert die Zuschauer:innen mit ihrer eigenen Position in unserer reizüberfluteten, hyperkapitalistischen Umgebung: Inwiefern können wir unserem Leben noch Bedeutung schenken? Jede getroffene Entscheidung eröffnet ein eigenes Paralleluniversum mit dem jeweiligen Negativ (durch „statistische Unvermeidbarkeit“. Dadurch hinterfragt der Film geschickt die Gewichtung der eigenen Handlungen.

EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE zieht dazu Protagonist:innen aus niedrigeren sozialen Schichten, queere Figuren – und vor allem weibliche Heldinnen – heran. Der Film wagt sich in die Ecken des Lebens vor, denen sich Blockbuster-Streifen oft verweigern; er lässt Platz für Abweichungen von westlich zentrierten Konventionen. Und dass man eine Tochter-Mutter-Beziehung in einem herrlich aufgeblasenen Fantasy- und Actionfilm erzählen kann, beweist das Regisseuren-Duo ‚Daniels‘ mit links.

Während ich völlig erschlagen den Kinosaal verlasse und eine Kippe zu drehen beginne, realisiere ich: Auch wenn dem Streifen in der letzten halben Stunde etwas erzählerische Puste ausgeht, hatte ich über zwei Stunden das Gefühl, Zeuge etwas ganz und gar Innovativem und Besonderem gewesen zu sein.

Fazit

EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE ist etwas Noch-nie-da-gewesenes und ein turbulenter Spaß: Ein überdrehter, ideenüberfluteter Streifen, der die Bedeutung der Existenz in einer Überangebotskultur reflektiert.

Trailer

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.

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