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Brücken bauen, Ambivalenzen ertragen – Kritik zu GIRL, INTERRUPTED

Nie war ein deutscher Titel so unpassend: DURCHGEKNALLT (James Mangold, USA 1999) weckt Sympathie für mental Erkrankte und inszeniert eine Freundinnenschaft zwischen Winona Ryder und Angelina Jolie, die kaum widersprüchlicher sein könnte…

Der Film verfolgt einige junge Frauen in einer psychiatrischen Klinik auf ihrem Weg der Heilung. Da die Hauptfiguren allesamt Patientinnen sind und ihre innere Handlung stark in den Fokus rücken, möchte ich davon absehen, die den eingedeutschten Titel von GIRL, INTERRUPTED zu verwenden. Wieso eine derart unsensible Entscheidung getroffen – und nicht etwa die deutlich geeignetere Bezeichnung Seelensprung der hierzulande erschienenen Buchform übernommen – wurde, bleibt fraglich.

Ambivalenz als filmisches Motiv

Die junge Winona Ryder glänzt in ihrer Darstellung der Protagonistin Susanna: eine zarte und introvertierte 18-Jährige, die nach einem fehlgeschlagenen Suizidversuch eingewiesen wird. Ihre Ängste bleiben dem Publikum zunächst verborgen, Sprünge in der narrativen Chronologie weisen auf ihren gesundheitlichen Zustand hin. Die Gegenwart verwischt mit der Vergangenheit; die Handlung ist gleichzeitig in Bewegung und im Stillstand.

Starke und tragende Performance: Winona Ryder als Susanna
© Sony Pictures Entertainment

Diese Ambivalenz zieht sich als filmisches Motiv durch das Narrativ: in dem gleichzeitigen Verlangen nach Geborgenheit und Unabhängigkeit, zwischen Vertrauen und Egozentrik, zwischen Ehrlichkeit und Wahn. Selbst der Titel weist mit dem inkludierten „Interrupted“ bereits auf die Zerbrechlichkeit der Hauptfigur hin. Schon bald diagnostizieren die Ärzt:innen bei Susanna eine Borderline-Persönlichkeitsstörung als Ausdruck dieser stetigen Widersprüchlichkeit.

GIRL, INTERRUPTED konstruiert einen Weg zum Problembewusstsein

Die Zuschauer:innen begleiten sie auf ihrem Weg zum Problembewusstsein. GIRL, INTERRUPTED konstruiert den Pfad zu der Erkenntnis, dass es okay und notwendig ist, zu sprechen – eine Brücke zwischen Innerem und Äußerem zu schlagen, wie es der Begriff ‚Borderline‘ sinnbildlich ausdrückt. Die Frage, ob Susanna wirklich krank ist – oder an ihren Umständen zerbricht –, gerät in den Hintergrund.

Kurz nach ihrer Ankunft lernt Susanna die stürmische und draufgängerische Lisa (verkörpert in einer Oscar-prämierten Performance von Angelina Jolie): Sie lebt schon seit einigen Jahren in der Klinik und erregt regelmäßig durch einige Fluchtversuche und Provokationen Aufmerksamkeit.

Zwischen den beiden entspinnt sich eine komplexe Freundinnenschaft. Diese Dynamik wird stark durch Lisas einnehmende, theatralische Art – und eine daraus resultierende Erwartungshaltung an ihre Umgebung – geprägt.

Die Rolle brachte ihr 2000 den Oscar als beste Nebendarstellerin ein: Angelina Jolie als Lisa
© Sony Pictures Entertainment

Überwiegen subjektive Wahrheiten oder Freundinnenschaften?

Der Film begreift beide Individuen als zersplitterte Idiosynkrasien (also als Konglomerat impulsiver Empfindungen und subjektiven Neigungen). Eine Freundinnenschaft gleicht nach diesem Verständnis also einem Aufeinandertreffen zweier Persönlichkeitsnetze, die sich gegenseitig ergänzen und polarisieren. Sie muss also auch Spannungen ertragen können; diese Brüche werden stilistisch überzeugend umgesetzt.

Überwiegen im Leben subjektive Wahrheiten oder die Freundinnenschaften? GIRL, INTERRUPTED bezieht klare Stellung und legt ein Plädoyer für das Individuum vor: Eine Heilung kann erst eintreten, wenn man sich um sich selbst kümmern kann, ohne das Ich ständig in Relation zu anderen zu setzen.

Letztlich enttäuschend inkonsequent in seiner Aussage

Die Entlassung aus einer Nervenheilanstalt ist keine Endlösung, keine Garantie für ein nachhaltiges psychisches Wohlbefinden, betont der Film. Um dieses Argument klar zu machen, spart er nicht an (unnötig) intensiven Darstellungen und Dialogen. Und doch gipfelt die finale, völlig überzogene Szene in genau diesem – zuvor noch scharf kritisierten – Punkt. Letztlich enttäuschend inkonsequent in seiner Aussage.

Die beiden eindringlichen Performances der beiden Hauptdarstellerinnen können nicht immer sowohl über die erheblichen Schwächen und Klischees des Drehbuchs als auch über die langweilende Fernsehfilmoptik hinwegtäuschen. Leider lässt GIRL, INTERRUPTED hier einiges an Potenzial liegen.

Fazit

Brücken bauen, Ambivalenzen ertragen: GIRL INTERRUPTED ist ein ermutigendes Filmdrama über weibliche Freundinnenschaften und geistige Heilprozesse.

Filmposter zu GIRL, INTERRUPTED (1999)
© Sony Pictures Entertainment

Trailer

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.

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