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Homosexuelle hinter Gittern: Kritik zu „Große Freiheit“

Ein wütendes Plädyoer gegen §175 – das ist der österreichische Oscar-Kandidat für den „Besten Internationalen Film“: „Große Freiheit“ 

Mal belanglos, mal überwältigend, mal intim – im Prolog sieht das Publikum Protagonist Hans mit mehreren Sexualpartnern auf einer öffentlichen Toilette verkehren. Dafür verurteilt ihn die Bundesregierung insgesamt für mehrere Jahrzehnte Gefängnis. „Große Freiheit“, das neue Werk des österreichischen Regisseurs Sebastian Meise, erzählt in intensiven Bildern die Geschichte mehrerer Schwuler im Nachkriegsdeutschland. 

Zwei „175er“ im Gefängnis: Oskar (Thomas Prenn, l.) und Hans (Franz Rogowski, r.)
© Freibeuter Film

„Große Freiheit“ als Wunschtraum

Über Hans’ Privatleben gibt der Film keinerlei Auskunft. Er berichtet schlicht in drei parallelen Zeitdimensionen die Gefängnisaufenthalte eines von der Gesellschaft gebeutelten Mannes, die ihn wiederholt für das freie Entfalten seiner Sexualität verurteilt – die titelgebende „Große Freiheit“ bleibt für Hans immer ein Wunschtraum. 

Beeindruckende Performance von Franz Rogoswki

Franz Rogoswki verkörpert die Hauptfigur mit einer theaterähnlichen Präsenz, die noch lange über den Abspann hinaus im Gedächtnis bleibt. Sein Gesicht spiegelt in expressiver Mimik und mit starrenden, fast leblosen Blicken die erdrückende Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit wider. Gleichzeitig trägt die Figur eine aufopfernde und paradoxe Selbstlosigkeit in sich, die mit der bedrückenden Atmosphäre der Zellen bricht. Eine intensive Performance, die die gesamte diegetische Erzählung trägt. 

Hans in Einzelhaft
© Freibeuter Film
Hintergrund: Paragraf 175

§175 ist seit dem Kaiserreich des 19. Jahrhunderts im Reichsgesetzbuch verankert. Er stellte die Homosexualität unter Männern wegen „Unzucht“ als Straftat dar und wurde durch die Nationalsozialisten in seiner Formulierung drastisch verschärft. Die Folge: hunderttausendfacher Mord an Homosexuellen; und auch bis Ende der 1960er wurden über 50.000 Männer in der BRD rechtskräftig verurteilt. Auch wenn der Paragraf 1969 reformiert wurde – und somit homosexuellen Sex unter Erwachsenen legalisierte –, blieb er bis 1994 Bestandteil des Strafgesetzes. Noch immer steht Homosexualität in sechs Ländern weltweit unter der Todesstrafe.

Klaustrophobische Intensität

Insassen, aus denen Freunde werden: Hans (l.) und Victor (Georg Friedrich, r.)
© Freibeuter Film

Das Gefängnis inszeniert Meise geschickt als desolaten Ort, an dem die 175er (wie die eingesperrten Homosexuellen genannt wurden) landen. Die Abwesenheit von Filmmusik und die triste, blau-graue Farbgestaltung machen die engen Zellen zu isolierten Orten; gleichzeitig schafft die Kamera Nahbarkeit zu Hans, da in Großaufnahmen an ihm haften bleibt, und ihn auch in Einzelhaft begleitet. In diesen Szenen ist die gesamte Leinwand schwarz und schafft eine klaustrophobische Intensität. 

„Große Freiheit“ drängt den Zuschauer*innen das Narrativ der gesellschaftlich internalisierten Homophobie auf: Leben Schwule – wie etwa Hans und vergangene Liebhaber – ihre sexuelle Identität aus, so löst diese Begierde eine bedrohliche Wirkung aus. Dies macht die permanente Furcht der als pervers abgestempelten Homosexuellen der Nachkriegszeiten greifbar. 

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Kraftvolles Zeichen der Wut gegen Paragraf 175

Regisseur Sebastian Meise setzt hierbei auf bedrängend expliziter Darstellungsweisen körperlicher und verbaler Gewalt, Erniedrigung und unmenschlicher Behandlung, die erbitterte Tränen über die offensichtliche Ungerechtigkeit in die Augen treiben. Ein kraftvolles Zeichen der Wut über den bis 1994 beständigen Paragrafen zeigen, der Schwule bestrafte, marginalisierte und im Dritten Reich ermordete. 

Die „Schwuchteln“ als objektifizierte Sexobjekte aufzudröseln und sie endlich als autonome und liebende Individuen zu zeigen, gelingt dem Film gut. Es sind beruhigende, erlösende, ermutigende Szenen, die Hans in seinem Altruismus und den Armen seiner Liebhaber oder Freunde zeigen. Rührend zu sehen, dass er – bis zum bittersüßen Ende – selbst nichts und doch so viel zu geben hat.

Fazit

„Große Freiheit“ ist ein wütendes, kraftvolles Plädoyer gegen die Entmenschlichung und Fetischisierung homosexueller Liebe durch den Paragrafen 175.

Trailer