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Religiös fanatischer Alpen-Horror – Kritik zu LUZIFER

Eine fundamentalistisch religiöse Mutter mit ihrem sprachschwächelnden Sohn, die sich in eine Hütte auf der Alm zurückgezogen haben – Susanne Jensen und Franz Rogowski in dem Horror-Thriller LUZIFER (Peter Brunner, AUT 2021).

Disclaimer: Den Film durfte ich im Rahmen des diesjährigen „Fantasy Filmfests“ sehen.

Großartig inszenierte Alpenlandschaft im Vordergrund

In die letzte Abendsonne getauchte Berggipfel, in Nebel verhüllte Täler und verwunschene Wälder: Mittels sanften Drohnenaufnahmen, kluger Perspektiven und extremer Zooms wird die Alpenlandschaft (durch Peter Flinckenberg) beeindruckend inszeniert. Die Natur rückt in dem Film mit all ihrer Gewalt in den Vordergrund, dass ihr beinahe genauso viel Aufmerksamkeit gebührt wie den beiden Hauptfiguren.

Diese landschaftliche Idylle wird schon bald von Unternehmer*innen zerstört, die am Schauort einen Skilift errichten möchten. Da sie sich gegen diese imperialistische Ausbeutung wehren, werden Johannes (verkörpert von Franz Rogowski) und seine Mutter (Susanne Jensen) Opfer anonymer Attacken und Bedrohungen.

Susanne Jensen (oben), Franz Rogowski (unten)

Zuschauer*innen sehen eine verzerrte Realität

Das aufregende Sounddesign befördert die Atmosphäre ständiger Bedrohung: Die Geräuschkulisse steigert sich in mehreren Crescendi aus Naturgeräuschen, aufdringlichem Soundtrack und terrorisierenden Drohnengeräuschen. Der Kontrast zwischen der ruhigen Besinnlichkeit in ihrer Hütte und der kapitalistischen Aggression kommt stark zur Geltung.

Durch einige Brüche durch die vierte Wand (also Blicke, die direkt in die Kamera und somit auf das Filmpublikum gerichtet sind) und eindrucksvolle Point of View-Aufnahmen nehmen die Zuschauer*innen die Perspektive von Johannes ein. Da sein sprachliches Ausdrucksvermögen eingeschränkt ist, kommuniziert er in dem Streifen über einzelne Wortfetzen, tierische Laute – und ganz vielen Blicken, die die Realität schon bald verzerrt zeigen.

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„Wo ist der Teufel?“ als wiederkehrendes Motiv

Das Dasein der beiden ist einsam: Jeden Tag verbringen sie für das Besorgen der Nahrung, das Füttern der Tiere (allen voran des Adlers Arthur, der Johannes‘ einziger Freund zu sein scheint) und streng religiösen Ritualen. Der Vater ist bereits verstorben, die Mutter Ex-Alkoholikerin: Ihr Ziel ist es, ihren Sohn vor den dämonischen Einflüssen der Gesellschaft zu schützen.

So etabliert sich die Frage „Wo ist der Teufel?“ in einem Film, der nicht viel über Worte funktioniert, als wiederkehrendes Motiv. Steckt der Teufel im Ausleben der eigenen Sexualität, in der Sünde der Sucht oder im Nichtglauben?

Wortkarge, aber eindringliche Performance der Hauptdarsteller*innen

Trotz ihres geringen Wortanteils agieren die zwei Hauptdarsteller*innen großartig vor der Kamera und liefern eine eindringliche – und in jeder Sekunde skurrile – Performance ab. Die wirkungsvolle Bildsprache durch katholische Symboliken hingegen nutzt sich schnell ab und führt zu Ermüdungserscheinungen innerhalb der 103 Minuten Lauflänge.

Die Suche nach dem Dämonischen führt den Film in ein erzählerisches Vakuum, das jegliche Aussagekraft vermissen lässt. Was kritisiert der Film? Ist ihm der fundamentalistisch-inhumane Glaube zuwider oder möchte er die Zuschauer*innen auf den Erkenntnispfad christlicher Sünden bringen?

Zu viele geöffnete Handlungsbögen werden in verschiedenen Zeitebenen nicht auserzählt – und lassen mich schlussendlich so kalt wie die fröstelnden Temperaturen auf den Bergspitzen.

Fazit

LUZIFER ist atmosphärisch dichtes Thriller-Kino mit zwei glänzenden Darsteller*innen und einer hervorragenden Inszenierung. Die unausgereifte Handlung führt jedoch in ein erzählerisches Vakuum.

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.

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