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Geht ins Ohr, bleibt im Kopf? — Kritik zu SCHMETTERLINGE IM OHR

Mehr Audio als Vision: Französische Rom-Com SCHMETTERLINGE IM OHR (Pascal Elbé, FRA 2021) plädiert für den Stellenwert des Hörsinns.
Eine Kritik von JOJO STREB

Zwei unterschiedliche Lebensrealitäten, nur ein Stockwerk entfernt

Auf seine Schüler:innen und Kolleg:innen wirkt er abgelenkt, schrullig und eigenbrötlerisch: Dem verwitweten Lehrer Antoine (verkörpert von Pascal Elbé (s.o.); ebenfalls Regisseur) bereite die Einsamkeit keine Probleme, betont er mehrfach; er lebe gerne für sich in seiner Einzelwohnung. Vielmehr könne er sich augenscheinlich auf kein Gespräch einlassen und zeichne sich durch sein egozentrisches Verhalten aus, werfen seine Mitmenschen ihm vor. Woran das liegt, wird schnell klar: Die Figur leidet in ihren mittleren Fünfzigern bereits unter einer Hörbehinderung.

Ein Stockwerk unter ihm, eine unterschiedliche Lebensrealität: Nach dem Tod ihres Mannes zieht Claire (Sandrine Kiberlain) mit ihrer Tochter zur Schwester. Um sich zu ordnen, um die Kontrolle über das Leben nach dem plötzlichen Verlust zurückzuerlangen. Frustriert über ihre Lebenssituation lässt sie sich von Antoine schnell reizen – und liefert sich mit dem schwerhörigen Nachbarn einen scharfen Schlagabtausch, bis es kommt, wie es kommen muss.

Sandrine Kiberlain als gereizte, überforderte Mutter

Vorhersehbares Narrativ: Es kommt, wie es kommen muss

Der Titel SCHMETTERLINGE IM OHR – als nettes, wenngleich kitschiges Wortspiel – bereitet die Zuschauer:innen bereits auf die belanglose Romanze vor, die einen Großteil des Narratives einnimmt. Die anfängliche Parallelmontage der Alltagssequenzen beider Hauptfiguren verunmöglicht ein Abweichen von dem klaren Spannungsbogen.

Der Trailer nimmt viele handlungs- und humortechnischen Momente bereits vorweg: Weshalb sich der Film für die romantischen Elemente so viel Zeit nimmt – und weitaus spannendere Ansätze nur andenkt –, bleibt mir schleierhaft. Die Thematisierung von Antoines familiären Umständen bleibt unausgereift und stört vielmehr den Handlungsfluss. Natürlich gipfelt die Beziehung und das Ende von SCHMETTERLINGE IM OHR in einem so kitschigen Ende, dass man den Saal nur mit einem halb-ironischen Lächeln verlassen kann.

Unhinterfragtes Ausnutzen weißer cis-männlicher Privilegien

Und natürlich ist Antoine eine männliche Heldenfigur, die nicht nur mit ihrer körperlichen Beeinträchtigung und einigen familiären Problemen umzugehen lernt – sondern gleichzeitig auch noch die Mutter-Tochter-Beziehung von Claire zu retten, die durchweg als überforderte und impulsive Mutter porträtiert wird.

Claire (Sandrine Kiberlain, l. und Antoine (Pascal Elbé, r.)

Dieses veraltete Rollenbild unterstreichen etwa Dialoge, in der sich Antoine mit einem Kollegen über das Aussehen von Jahrzehnte jüngeren Praktikantinnen echauffiert und sie sich gegenseitig Chancen bei ihnen einrechnen. Das ist kein humoristisches Mittel, sondern ein unangenehmes und unhinterfragtes Ausnutzen weißer cis-männlicher Privilegien.

Film trifft in der Thematisierung der Hörschwäche den richtigen Ton

Doch es gibt sie, einige Momente, die aus der narrativen Einfallslosigkeit und gähnenden Fernsehfilmoptik herausstechen: Sprichwörtlich den richtigen Ton zu treffen, gelingt Pascal Elbé vor allem in der Thematisierung der Hörbehinderung. Die über- und unterzogene Intensität von Geräuschen etwa sorgt für komische Momente; ebenfalls Antoines sympathisch verpeilte Art, auf akustische Verständnisprobleme in Dialogen zu reagieren. Da verzeiht man SCHMETTERLINGE IM OHR gerne die (nicht immer ironische) Neigung, in plakative Werbung für Hörgeräte abzurutschen.

Dem Film gelingt es, sein Publikum für den Stellenwert des Hörsinns zu sensibiliseren – im Gegenteil aber auch die Wichtigkeit eines stillen Moments innerhalb der reizüberfluteten Umwelt in den Vordergrund zu rücken. Die Auseinandersetzung hingegen mit der Scham, die Behinderung öffentlich zu kommunizieren, gerät zu flach.

Insgesamt: kurzweilige Unterhaltung und gute schauspielerische Performances, mehr kann ich dem Streifen leider nicht abgewinnen.

Fazit

Das Sprichwort „Geht ins Ohr, bleibt im Kopf“ ist auf SCHMETTERLINGE IM OHR nur bedingt anzuwenden: Süßes, aber seicht-belangloses Kino ohne genügend Tiefe.

Trailer

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.

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