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Porträt: „Wir konnten nicht sprechen, nur atmen“

Es sollte eigentlich ein Befreiungsmoment sein: Mit Andrei Preeces Coming-Out als schwuler Mann ging Unterdrückung und Diskriminierung einher. – EIN PORTRÄT VON JOHANNES STREB

Die Krücke gegen den Stuhl gelehnt, nimmt Andrei Preece einen tiefen Kaffeeschluck und schaut sinnlich in die Sonnenstrahlen des Junivormittags; Blüten kreiseln von den Bäumen herab. Das nach einer Operation eingegipste Bein hat der 41-Jährige hochgelegt. Er sitzt mit seinem Ehemann Stefan Kuschner (48) im Berliner „Romantica“ – ihrem Lieblingslokal, das sie nach einem Jahr zum ersten Mal wieder besuchen. Mit seinen kurz geschorenen Haaren und dem schwarzen zugeknöpften Hemd macht er einen schmächtigen, unscheinbaren Eindruck – kaum zu glauben, dass hinter dem ausgeglichenen und herzlichen Auftreten des schwulen Russen ein Leben voll Diskriminierung und körperlicher Gewalt steckt.  

Andrei Preece wuchs in einer konservativen Patchwork-Familie in Tula auf. Um nicht aufzufallen, heiratet er 2001 eine Frau. Ein Jahr später lernt er während seines Medizinstudiums in Twer Boris B. kennen und verliebt sich in ihn. Für Andrei beginnt ein Versteckspiel auf schmalem Grat: „Ich musste meinen Partner vor allen verstecken: er war immer mein Bruder oder Verwandter“, erzählt er. 

Obwohl sie versuchen, ihre Beziehung geheim zu halten, kommt sie ans Licht: Von Kommiliton*innen wird er verspottet, von Arbeitgebern gekündigt und von Fremden im Club angegriffen. Die russische Sondereinheit der Polizei OMON erpresst ihn mit Geld – weil er homosexuell ist. Vier Jahre lang verfällt er dem Alkohol. Aufgeregt schildert Andrei die Situation mit einer Vermieterin, die von der Beziehung wusste und ihm drohte, eine Gewaltstraftat vor der Polizei anzuhängen. Dann sperrte sie ihn in der Wohnung im zehnten Stock ein. „Ich war im Affekt und hatte Angst. Ich kletterte auf den Balkon, mit den Beinen nach unten, und habe gedroht, zu springen.“ Er verhaspelt sich, ist gefangen in der Erinnerungsschleife. „Später lagen wir auf dem Boden vor Schock, wir konnten nicht sprechen, nur atmen.“ 2015 entschied das schwule Paar, nach Deutschland zu fliehen. 

Woher kommt die Homophobie? „Von ganz oben; sie ist Tradition geworden“, vermutet Andrei und genehmigt sich einen weiteren Kaffeeschluck. 2013 erließ die russische Staatsduma ein Gesetz, das jede Aufklärung über Homosexualität untersagt. Michael Glas vom Nürnberger LGBTQ-Selbsthilfeverein „Fliederlich“ sieht drei Ursachen für die russische Queerfeindlichkeit: „Es gibt Ablehnung durch die Gesellschaft, die russisch-orthodoxe Kirche und die Politik – auf allen Ebenen wird Homosexualität als negativ betrachtet!“ 

2016 bat Andrei den „Fliederlich“-Verein um Unterstützung – die Hoffnungen auf ein sorgenfreieres Leben wurden nach seiner Flucht aus St. Petersburg nicht erfüllt. Auch in den bayerischen Flüchtlingsunterkünften wird das mittlerweile getrennte Paar beleidigt und geschlagen. Zudem beginnt ein Kampf gegen die deutschen Behörden: Im Januar 2016 beginnt Andreis Asylverfahren, doch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lehnt seinen Schutzstatus ab. Die Begründung: Die Richterin sei „von der Homosexualität des Klägers“ nicht überzeugt; es handele sich um einen „zurechtgelegten Vortrag“.

„Dieses Urteil ist ein Skandal!“, empört sich Ehemann Stefan Kuschner, der als LGBTQ-Aktivist und Moderator tätig ist, und nimmt einen tiefen Zug an seiner Zigarette. „Das Perverse: Es ist eine politische Direktive, dass alle Asylanträge mit dem Fluchtgrund Homosexualität abgelehnt werden.“ Würde man homophobe Gewalt als Fluchtgrund akzeptieren, so seine Vermutung, hätte das diplomatische Verwicklungen zur Folge. Andrei klagt gegen das Urteil, doch das Bayerische Verwaltungsgericht Regensburg lehnt ab. Sechs Tage lang tritt er vor dem Gerichtsgebäude in den Hungerstreik. „Ich wusste, ich muss protestieren, weil das eine Gefahr für die Demokratie ist“, erklärt er, dabei fährt er mit den Händen über seine Kopfhaut.  

Die Aufenthaltsgenehmigung des Exfreunds Boris ist mittlerweile bestätigt worden. Der Richter habe keinen Zweifel daran gehabt, dass sowohl Boris als auch Andrei schwul sind. „Das zerschreddert das Gerichtsurteil von Andreis abgelehntem Asylantrag. Wenn wir es geschickt anstellen, fliegt ihnen ihr Fehler kräftig um die Ohren“, artikuliert Stefan. 

Trotzdem ist dem Paar milder Optimismus ins Gesicht geschrieben. Andrei sucht er nach einem Job als Krankenpfleger. „Ich träume von einem ruhigen Leben. Mit Stefan fühle ich mich in Sicherheit“, sinniert er. In den Erzählungen des Russen steckt trotz des Leids keine Bitterkeit: Seine innere Ruhe findet er im Buddhismus. Andrei strahlt überschwängliche Positivität aus – Stefan wirkt daneben wie die klare Vernunftstimme: „Da ist trotzdem ganz viel Schmerz dahinter, das darf man nicht vergessen.“ 

Die Frage, wer zahlt, schwebt in der lauen Sommerluft. „Ich bin ein kleines Mädchen, ich will nicht zahlen“, bettelt Andrei mit verschmitztem Lächeln, beide sticheln scherzhaft. Dann entschwindet das Paar, Andrei auf Krücken gestützt, im Treiben Schönebergs.

Diese Reportage ist meine Studiumsarbeit für das Modul Printjournalismus II (Ressortjournalismus Hochschule Ansbach SS 2021). Bei Anfragen zur Verwendung und Weiterverbreitung des Materials kannst du mir gerne per Mail schreiben.

Wichtigste Internetquellen:
• Auswärtiges Amt (5.8.2020): Schutz von Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuel-len („LGBTI-Rechte“). https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/themen/menschenrechte/07-lgbti/lgbti-rechte/201460 (zuletzt abgerufen am 1.7.2021).
• Buyantueva, Radzhana (19.2.2018): Analyse: LGBT-Bewegung und Homo-phobie in Russland. https://www.bpb.de/internationales/europa/russland/analysen/264904/analyse-lgbt-bewegung-und-homophobie-in-russland?rl=0.8983555073385822 (abgerufen am 6.7.2021).
• Clasen, Bernhard (17.5.2021): Homophobie in Russland. Alles Queere sitzt dem Kreml quer. https://taz.de/Homophobie-in-Russland/!5772531/ (zu-letzt abgerufen am 1.7.2021).
• Der springende Punkt (1.11.2013): Interview mit dem Verein Fliederlich. https://www.spd-nuern-berg.de/fileadmin/user_upload/_partei/images/dsp_Ausgaben/dsp2013/dsp_1113_mail.pdf (zuletzt abgerufen am 2.7.2021).
• Fliederlich e.V. (4.8.2008): 30 Jahre Fliederlich 1978-2008. Geschichte und aktuelle Selbstdarstellung des Schwulesbischen Zentrums Nürnberg. http://www.fliederlich.de/fileadmin/user_upload/documents/fliederlich_geschichte.pdf (zuletzt abgerufen am 1.7.2021).
• France, David (2020): Achtung Lebensgefahr! LGBT in Tschetschenien. https://www.arte.tv/de/videos/098158-000-A/achtung-lebensgefahr/ (abgerufen am 4.7.2021).
• Kasakow, Ewgeniy (11.10.2016): LGBT in Russland. https://www.dekoder.org/de/gnose/lgbt-homosexualitaet-gesellschaft-homophobie (abgerufen am 3.7.2021).
• Kilber, Wanja (30.8.2019): Hungerstreik / Голодовка. http://www.quarteera.de/blog/hungerstreik (zuletzt abgerufen am 1.7.2021).
• Rudolph, Kriss (2.5.2020): Drohende Abschiebung – Petition will Andrei P. retten. https://mannschaft.com/drohende-abschiebung-von-andrei-p-petition-gestartet/ (zuletzt abgerufen am 2.7.2021).
• Schindler, Frederik (4.9.2019): Asylbewerber aus Russland. Nicht schwul ge-nug für Deutschland. https://www.welt.de/politik/deutschland/article199702056/Asylbewerber-aus-Russland-Nicht-schwul-genug-fuer-Deutschland.html (zuletzt abgeru-fen am 1.7.2021).
• Schulz, Paul (25.4.2020): Regensburg. Schwuler Asylsuchender soll abge-schoben werden. https://www.queer.de/detail.php?article_id=35975 (zu-letzt abgerufen am 1.7.2021).
• Schwulissimo (30.9.2019): Schwuler Flüchtling abgelehnt. Abschiebung droht. https://www.schwulissimo.de/ausgequetscht/schwuler-fluechtling-abgelehnt-abschiebung-droht (zuletzt abgerufen am 1.7.2021).
• Sußner, Petra (14.1.2020): Mit Recht gegen die Verhältnisse: Asylrechtlicher Schutz vor Heteronormativität. Erschienen in: Zeitschrift für Menschenrech-te, S. 61-86 (zuletzt abgerufen am 2.7.2021).
• Sußner, Petra (15.3.2021): Was spricht gegen ein wenig Diskretion? Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität im Flüchtlingsbegriff. https://doi.org/10.5771/9783845298146-31 (zuletzt abgerufen am 2.7.2021).