2 Sterne Serie

Kinderspiele, Kapitalismuskritik, Killen – Kritik zu „Squid Game“

Mit „Squid Game“ legt der südkoreanische Regisseur Hwang Dong-hyuk eine brutale Symbiose aus „Takeshi’s Castle“ und „The Hunger Games“ vor und bricht dabei alle Streaming-Rekorde. Ist der weltweite Hype gerechtfertigt?

Balanceakt zwischen Gewaltekstase und Gesellschaftskritik

Ochs am Berg, Tauziehen und Murmeln: 456 Personen finden sich in einer Spielarena wieder, in der sie gegeneinander in Kinderspielen antreten. Ihnen winken 45,6 Milliarden Won, umgerechnet sind das etwa 33 Millionen Euro – verlieren sie, werden sie disqualifiziert und hingerichtet. Jede*r gegen jede*n, bis eine*r übrig bleibt: dieses einfache, „Battle Royale“- ähnliche Regelwerk lässt sich schnell verstehen. „Squid Game“ ist ein schmaler Balanceakt zwischen Gewaltekstase und Gesellschaftskritik, der beispiellos kometenhaft den Einstieg in sämtliche popkulturelle Kreise geschafft hat. 

Goldene Geldglocke schwebt über dem brutalen Gemetzel

Alle Teilnehmenden sind freiwillig dort; angetrieben von ihren Hoffnungen auf das hohe Preisgeld, das (etwas plakativ) in einer durchsichtigen Glocke über dem brutalen Geschehen schwebt. Ihre Augen glänzen golden und sehnsüchtig, wenn sie in das riesige Sparschwein an der Decke schauen. Sie sind hochverschuldet und von einem System gebeutelt, das die Ärmsten erbarmungslos ausbeutet. In den „Squid Games“ hingegen sollen alle gleichberechtigt sein und die gleichen Chancen haben, betonen die Spielmacher mehrfach. 

Regisseur Dong-hyuk etabliert eine Handvoll Charaktere, in deren Innenleben das Publikum einen Einblick erhält; allen voran Seong Gi-hun, der sein Geld durch Wetten in den Sand gesetzt hat und finanziell nicht für seine Mutter und Tochter aufkommen kann. Die Verkörperung durch Lee Jung-jae wirkt stets etwas exzessiv und „over the top“. Zudem trifft die Figur, anstatt aus ihren Fehlern zu lernen, durchweg unlogische und unreflektierte Entscheidungen. 

Hauptfigur Seong Gi-hun (verkörpert von Lee Jung-jae)

Knallbuntes Setting schnell mit dem Blut hunderter Menschen getränkt

Der südkoreanische Netflix-Hit (mit bereits über 142 Millionen Aufrufen) ist auf die Spitze getriebene Kapitalismuskritik ohne Hoffnung auf ein erlösendes Happy End. Um ihren Punkt klarzumachen, geht die Serie wortwörtlich über Leichen: In „Squid Game“ wird fast minütlich gestorben. Dieser bittere Sarkasmus wird unterstrichen von der kontrastreichen Farbgestaltung: die quietschbunten Schauorte mit ihrer klar strukturierten Optik werden bald von dem Blut mehrerer hundert Menschen durchtränkt.

Rote, „Haus des Geldes“-ähnliche Overalls und hierarchisch geordnete Masken

Das Spielpersonal ist in roten Overalls und hinter hierarchisch geordneten Masken verborgen. Dies entmenschlicht die Leitung, sodass sich die moralische Verurteilung durch die Zuschauer*innen eher auf die Teilnehmenden verlagert: In diesem Gedankenspiel ergeben sich interessante moralische Fragen über das eigene Handeln in Lebensgefahr, die zur Selbstreflexion einladen. Wie man sich wohl selbst in einer solchen Situation verhalten würde; ob man noch moralischen Anspruch an sich haben kann, wenn man ums nackte Überleben kämpft.  

Erschreckende Desensibilisierung von Gewalt

In „Squid Game“ werden Menschen, deren Namen und Hintergrundgeschichten großteils unbekannt bleiben, eintagsfliegenähnlich abgeschlachtet. Hier desensibilisiert die Serie für Gewalt, wenn das Publikum das Bewusstsein über die Grausamkeit verliert, die sich massenweise vor den eigenen Augen abspielt. Die Teilnehmenden werden ihres Individuums beraubt und vielmehr wie Tiere dargestellt, die sich aufeinander stürzen, weil sie sich mit dem Preisgeld einen Ausstieg aus sozial schwachen Milieus erhoffen. Ein gewisses Risiko für einen Nachahmungseffekt (beispielsweise auf Pausenhöfen) besteht dadurch. 

Eine Aufgabe, die zum viralen Hit mutierte: Ausstanzen der koreanischen Süßigkeit Dalgona

Durst nach mehr kann nicht gestillt werden: Gewalt reicht nicht als Schauwert

Die immer ähnlichen Spielrunden (eingeleitet durch Johann Strauss’ „An der schönen blauen Donau“) bieten nur wenig Abwechslung. Was vielleicht kurzfristig für eine Befriedigung der Sensationslust führt, nutzt sich schnell ab und verliert an grausamer Faszination. Der Durst nach Neuem, Aufregendem und Mehr kann schon bald nicht mehr gestillt werden: Die konsequente Gewaltbereitschaft und Gnadenlosigkeit der Spiele reichen nicht über neun Episoden hinweg als alleinige Schauwerte.

Vor allem die letzten Episoden wirkten wie überraschungskarge und vorhersehbare Durststrecken; hier verliert „Squid Game“ schnell an Tempo. Zudem werden viele offene Fragen nicht beantwortet; die Entmystifizierung und Entschlüsselung der Spiele gelingt nicht. Zwar gibt es einige bewusst offene Handlungsstränge, die auf eine zweite Staffel hindeuten – mein Interesse hat die Serie bereits verloren.  

Fazit

„Squid Game“ bietet viele Momente, über die man sprechen kann, über die sich berichten lässt, über die man diskutieren muss – wieso sich hieraus ein Hype entwickelt hat, ist nicht schwer nachzuvollziehen. Die Erzählung verlässt sich aber zu sehr auf schockierend exzessive Gewaltanwendung, anstatt ihre kapitalismuskritische Aussage zu vertiefen. Für mich ist die Serie – und ihre Sozialkritik – etwas zu plump. 

Trailer