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Intrinsische Wut thematisieren: Kritik zur Theater-Performance MARIA KILLS A DOG

Wut ist eine überschäumende Emotion, die mit aller Gewalt an unser Ungerechtigkeitsempfinden appelliert. Wut ist ein Reflex, der sich nicht immer gegen den:die Richtige richtet. Aber vor allem ist Wut da–und will gehört werden. / Eine Kritik zu MARIA KILLS A DOG (2022)

„There are far better things ahead than any we leave behind“–dieser Schriftzug erhebt sich über das rustikale Gelände der Alten Münze in Berlin-Mitte. Hier ist neben einigen Produktionsstätten und einem dicht bewachsenen Café auch die Spielstätte des Berliner Ringtheaters aufzufinden – ein junges Kollektiv, das in seiner Selbstbezeichnung machtkritisches Theater zeigen will.

Schriftzug über der Alten Münze Berlin

Ein befreiendes Plädoyer für das Ausleben von Wut

Noch bis Donnerstag ist hier die Performance MARIA KILLS A DOG (2022) von Saioa Alvarez Ruiz, Lilli Elena Strakerjahn und Peter Neugschwentner zu sehen: ein befreiendes Plädoyer für das Ausleben von Wut.

Das Stück wird jeweils um 19:30 am Mittwoch und Donnerstag (6./7. Juli 2022) im Berliner Ringtheater gezeigt; der Mittwochstermin beinhaltet eine Blindenführung. 
Tickets gibt's auf der offiziellen Homepage!

Maria steht nach Beendigung ihres Jurastudiums vor vielen offenen Fragen: sie fühlt sich zunehmend unwohl in ihrer Beziehung, ist sich unsicher über ihre zukünftige Entwicklung. Sie fühlt sich unter Druck gesetzt durch die übergriffige (weil: fehlende Eigenständigkeit unterstellende) Hilfsbereitschaft im Alltag.

MARIA KILLS A DOG thematisiert das Unausgesprochene

An diesem Punkt durchbricht das Stück eine Barriere: es ebnet den Weg für innere Handlung, kehrt das Intrinsische–und letztlich oft Unausgesprochene–nach außen. Welche Gedanken uns in (Diskriminierungs-)Situationen verfolgen; wie viel Leid uns zugefügt wird, dieses aber nie offen thematisieren.

Die resultierende Wut steht im Zentrum von MARIA KILLS A DOG, ohne die Angemessenheit zu hinterfragen: Diese Gefühle sind berechtigt!, schreit das Stück förmlich entgegen.

Bunte akustische Montage & hörbuchartiger Charakter

Die Qualität des „Ungefiltert-Seins“ erhält die Performance durch ihren hörbuchartigen Charakter: Textpassagen, Live-Musik, improvisierte Situationen, Kanon und Crescendo-Strukturen–die drei Darstellenden bieten eine bunte akustische Montage.

Die im Raum verteilten bequemen Sitzgarnituren laden zum gemütlichen Zurücklehnen und Fläzen ein; zusammen mit dem Lichtdesign wird eine gemütliche Vorleseatmosphäre geschaffen.

Diese Konzentration auf die Hörebene funktioniert einwandfrei–bis auf die angeschnittenen und konsequent abrupt gestoppten musikalischen Referenzen, die mich aus der Handlung herausrissen. Der reduzierte Einsatz der Lichteffekte wirkte etwas uninspiriert und ließ einiges inszenatorisches Potenzial liegen.

Stimmiger binärer Aufbau von MARIA KILLS A DOG

Umso stimmiger ist der binäre Aufbau der Performance: Der Einstieg geschieht durch die wütende Unsicherheit über die misslingende Beziehung und die respektlose Über-Sensibilisierung von Marias Behinderung durch Zivilist:innen im Alltag. Bis der titelgebende Bruch eintritt–und sich die Protagonistin plötzlich in einem Meer aus Leere und übergriffiger Fremdbestimmung befindet.

Unterstützt wird diese Kehrwende durch die geschickte Aufteilung der verschiedenen Erzählperspektiven: die Performer:innen wechseln in beeindruckender Schnelle zwischen persönlicher, auktorialer–und teils skurriler–Perspektiven hin und her. Die Begeisterung am eigenen Stück und ihr eigenes Sich-selbst-nicht-ernst-nehmen bescherten Saioa, Lilli und Peter minutenlangen Applaus.

Saioa Alvarez Ruiz in „Maria kills a dog“
© Marisa Reichert

Fazit

MARIA KILLS A DOG ist ein selbstermächtigendes und aufwühlendes Stück, das sein Publikum durch die geschickte Montage akustischer Elemente auf eine spannende Selbstreflexion einlädt.

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.

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